UEFA-Boss Aleksander Ceferin (l) und FIFA-Boss Gianni Infantino sind die Rivalen im Machtkampf der Fußball-Funktionäre. (Archivbild)
Fernando Calistro/AP/dpa
UEFA-Boss Aleksander Ceferin (l) und FIFA-Boss Gianni Infantino sind die Rivalen im Machtkampf der Fußball-Funktionäre. (Archivbild)
Fußball-Machtkampf

Schlammschlacht vor US-Gerichten: Infantino schießt zurück

Wer glaubt, Gianni Infantino gibt im Machtkampf um sein Präsidentenamt auf, täuscht sich. Die FIFA attackiert im Namen ihres Chefs die europäischen Gegner. Droht jetzt der große Knall im Weltfußball?

  Jetzt geht Gianni Infantino zum Angriff über. Im Machtkampf um den FIFA-Präsidentenposten lässt der amtierende Chef des Weltverbandes die schweren Anschuldigungen der UEFA nicht auf sich sitzen und schlägt mit Vorwürfen gegen Europas Fußball-Bosse zurück. Zum Schauplatz der größten Funktionärskrise seit den Skandalzeiten um Ex-Chef Joseph Blatter vor elf Jahren werden nun gleich mehrere Gerichte in den USA. 

Nach der Ankündigung eines möglichen Strafverfahrens gegen Infantino durch die UEFA in der Schweiz und der Bitte um Dokumentensicherung in Florida hat nun die FIFA ihrerseits die US-Justiz eingeschaltet und wirft den Europäern eine «Verleumdungskampagne» vor. Das geht aus Dokumenten hervor, die die FIFA bei einem New Yorker Gericht einreichte und die der Deutschen Presse-Agentur vorliegen. Zuerst hatte das Portal «The Athletic» darüber berichtet.

Investoren-Idee als rote Linie

Hintergrund sind die Auseinandersetzungen zwischen den mächtigen Verbänden, hervorgerufen durch die - nach großem Druck zurückgezogenen - Investorenpläne von Infantino. Mit seinem abseits aller FIFA-Institutionen mit US-Geschäftspartnern vorangetriebenen Milliarden-Deal zur WM-Vermarktung hat der Schweizer aus Sicht der UEFA eine rote Linie überschritten. 

Die seit langem gärende Stimmung ist in offene Konfrontation gekippt. Das klare UEFA-Ziel: Infantino darf am 18. März 2027 nicht für eine vierte Amtszeit als FIFA-Chef wiedergewählt werden. Doch die Zeit drängt. Da Infantino nicht daran denkt, sein Amt aufzugeben, muss bis zum 18. November ein Gegenkandidat präsentiert werden, dann läuft die Nominierungsfrist ab. Noch haben die Europäer keinen Herausforderer gefunden. 

Showdown in Berlin?

Wichtige Termine sind das nächste Treffen des UEFA-Exekutivkomitees am 15. September in Thessaloniki und das sogenannte Meeting des Top Executive Programms (TEP) am 8. Oktober. Dann sind alle Präsidenten und Generalsekretäre der 55 europäischen Verbände zu einem Gedankenaustausch nach Berlin eingeladen. Kommt es zum Showdown in der deutschen Hauptstadt?

Die nun laufenden juristischen Aktivitäten sollen Infantino diskreditieren. Eine weitere Zusammenarbeit der UEFA mit ihm als FIFA-Boss erscheint derzeit angesichts der Schwere der Vorwürfe undenkbar. Droht dem Weltfußball womöglich der große Bruch?

Der UEFA-Plan, Infantino zum Rückzug zu drängen, geht momentan überhaupt nicht auf. Der Schweizer ist im Kampfmodus. Die von der UEFA an gleich mehrere Gerichte parallel gestellten Anträge seien nicht mehr als bloße Pressemitteilungen, ätzte der Weltverband. 

Diese würden «dazu dienen, die Verleumdungskampagne der UEFA gegen die FIFA und deren Führung weiter voranzutreiben», heißt es in einem an ein Gericht im US-Bundesstaat Florida ergangenen Schreiben vom 1. September. Der UEFA gehe es mit ihren Anträgen darum, Informationen offenzulegen, die nach den FIFA-Regularien vertraulich behandelt werden müssten. 

Die UEFA reagierte auf den FIFA-Vorstoß nicht mit einem offiziellen Statement. Doch im Dunstkreis der Zentrale am Genfer See herrscht die Meinung: Wenn die FIFA nichts zu verbergen habe, könne sie ja die angeforderten Dokumente präsentieren. Der Gegenschlag wird als indirektes Schuldeingeständnis interpretiert.

FIFA setzt auf Zeitspiel

Die FIFA will jedenfalls Teil des Verfahrens werden und erwirken, dass die Entscheidung über den UEFA-Antrag verzögert wird. Offenbar hat der Weltverband nun Zeit, bis zum 28. September weitere Argumente vor Gericht einzureichen. Dieses Zeitspiel der FIFA funktioniert schonmal. 

Die FIFA wirft der UEFA zudem vor, gegen die Investorenpläne vorzugehen, weil diese die Marktmacht des europäischen Verbands bedrohen würden. «Das wirtschaftliche Motiv der UEFA bestand darin, zu verhindern, dass kleinere Länder über die finanzielle Stärke verfügen, um mit der europäischen Elite konkurrieren zu können», heißt es in den Dokumenten. 

«Wird der Fußball in den Entwicklungsländern gestärkt, nimmt der globale Wettbewerb zu, was letztlich die Marktmacht der UEFA verringert und für mehr Konkurrenz für ihre wichtigsten Wettbewerbe sorgt.» 

Infantino als Anwalt der Kleinen

Ist das schlüssig? 20 Millionen Dollar hatte Infantino jedem Nationalverband versprochen, der sein WM-Vorhaben unterstützt. Diese Summe würde lange nicht ausreichen, um die strukturellen Nachteile kleinerer Fußball-Länder auszugleichen, zumal die Europäer bei Unterstützung das gleiche Geld bekommen hätten. Im Konflikt wird viel mit plakativen Argumenten und Emotionen gearbeitet. 

In Europa kritisierten viele Infantinos Pläne als Ausverkauf des Sports. Dem einflussreichen Funktionär wird vorgeworfen, nicht primär am Wohlergehen kleiner Fußballnationen, sondern vor allem an seinem persönlichen Machterhalt und lukrativen Deals mit Geschäftspartnern interessiert zu sein, von denen auch er selbst profitieren würde.

Der 56-Jährige steht zwar massiv unter Druck. Doch trotz der heftigen Kritik am gescheiterten WM-Investorendeal und seiner Amtsführung hat Infantino, der seit 2016 an der Spitze der FIFA steht, immer noch eine breite Basis in der Fußball-Welt. 

«Anderswo auf der Welt gelten ganz andere Parameter, wenn es um die Frage der Wahl des Fifa-Präsidenten geht. Wenn er nach Afrika oder
Südamerika reist, wird Infantino dort gefeiert wie ein Gott», sagte Martin Nolte, Leiter des Instituts für Sportrecht an der Sporthochschule in Köln dem «Spiegel». Die europäische Perspektive auf den Machtkampf verschiebt den Fokus derzeit zuungunsten von Infantino.

Von Arne Richter, Anne Pollmann und David Joram, dpa
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