Joshua Kimmich gab Manuel Neuer bei der Aufnahme des Teamfotos einen kräftigen Klaps von hinten auf die breiten Schultern. Der traut sich was, werden sich Nathaniel Brown und Assan Ouedraogo gedacht haben. Für die jungen WM-Neulinge in der Fußball-Nationalmannschaft ist Deutschlands Rekordtorwart vor dem Comeback des Jahres am Sonntag (19.00 Uhr/ARD und MagentaTV) in Houston gegen Curaçao eine Art Überfigur.
Der Respekt, den im WM-Plan von Julian Nagelsmann Topstürmer wie Englands Harry Kane oder Frankreichs Kylian Mbappé in entscheidenden K.o.-Spielen vor Neuer haben werden, der herrscht auch unter den eigenen Kollegen. Den quatscht man nicht so einfach an, erzählte der sonst keinesfalls schüchterne Ouedrago von der ersten Begegnung mit dem «besten Torwart aller Zeiten» im Teamhotel in Winston-Salem.
Aber keine Sorge. Natürlich wissen alle, dass Neuer ein freundlicher Typ ist, solange eben keine Stürmer vor seinem Tor auftauchen. «Ich glaube, spätestens nach dem ersten Gespräch weiß jeder, dass man vor ihm keine Angst haben muss», sagte Jonathan Tah mit einem Schmunzeln.
Alle reden von der Aura
«Aura» ist das Schlagwort, das die Runde macht, wenn über Neuer vor dessen fünftem WM-Turnier und dem 125. Länderspiel gesprochen wird. Bundestrainer Nagelsmann, Sportdirektor Rudi Völler, Kapitän Kimmich, auch Tah, der beim FC Bayern und in der DFB-Elf direkt vor Neuer in der Abwehr spielt, alle sprachen von diesem speziellen Geist, der den 40-Jährigen bei seiner heiß diskutierten WM-Rückkehr umgibt. Er ist ob seiner Lebensleistung unantastbar.
«Manuel Neuer ist irgendwie etwas Außergewöhnliches», sagte Weltmeister-Coach Joachim Löw über seinen Titeltorwart bei RTL. «Dieses fast schon Ehrfürchtige» löse Neuer aus. Früher habe man noch auf dem Sofa gesessen und WM-Spiele geschaut - mit Neuer im Tor, erinnerte sich Tah. Kai Havertz erlaubte sich ob des hohen Alters sogar einen kleinen Scherz. «Wenn der 70 ist und noch für die Nationalmannschaft spielen will, kommt der hier auch noch unter», sagte der Stürmer bei MagentaTV.
Und Neuer selbst? Der ist konzentriert vor der großen Rückkehr, die nach der Aufregung rund um seine Nominierung und die Rückstufung von Oliver Baumann längst alternativlos erscheint. Abseits vom sportlichen Fokus ist Neuer entspannt. Er lächelt viel. Er hat für alle Fans ein freundliches Wort. Auch Kimmich kam nach seiner Attacke aus dem Rückraum straffrei davon.
Die Wade bekam Zeit zum Heilen
Über sein Comeback redet Neuer in der Öffentlichkeit noch nicht. Der im letzten Bundesliga-Spiel der Bayern gegen den 1. FC Köln Mitte Mai lädierte Muskel in der linken Wade heilte ohne öffentliche Bulletins. Nagelsmann sprach von Geduld, ließ Baumann noch gegen Finnland (4:0) und die USA (2:1) spielen. Der große Plan geht zum entscheidenden Stichtag in Houston nun auf. Das Restrisiko einer erneuten Verletzung muss einfach in Kauf genommen werden.
Wie so oft in Neuers Karriere ist er jedenfalls pünktlich zum Turnierstart fit. Das war vor dem WM-Triumph 2014 so. Ebenso vor den verkorksten Turnieren 2018 und 2022. Und auch vor der Heim-EM 2024. Von den 33 Länderspielen unter Nagelsmann seit 2023 hat er nur sieben bestritten; fünf bei der EM und die zwei Tests zuvor. Vorher war er verletzt, danach folgte der DFB-Rücktritt.
Bis heute hält sich die Legende, dass er im Sommer 2024 gerne Nationalspieler geblieben wäre, Nagelsmann aber mit dem nun schon lange verletzten Marc-André ter Stegen plante. Alles Makulatur. Es ist WM, und der ewige Neuer ist wieder da. Und peilt in seiner einzigartigen Karriere eine Vielzahl an Rekorden an, die aneinandergereiht einen einzigen Zahlensalat ergeben würden.
Die wesentlichen Fakten: Neuer stellt mit seiner fünften WM-Teilnahme den deutschen Rekord von Lothar Matthäus ein. Er wird mit seinem 20. WM-Einsatz am Sonntag den Franzosen Hugo Lloris als Rekordtorwart einholen und sechs Tage später gegen die Elfenbeinküste mit WM-Spiel Nummer 21 überholen.
Erster deutscher Doppel-Weltmeister?
Kommt Deutschland ins Viertelfinale, holt er Matthäus (25 Spiele) als DFB-Rekordspieler bei WM-Turnieren ein. Und mal ganz kühn gedacht: Wird Deutschland Weltmeister, wäre Manuel Neuer der erste deutsche Fußballer, dem dies zweimal gelingt. Nur der große Franz Beckenbauer hielt als Spieler (1974) und Teamchef (1990) zweimal den goldenen Pokal in den Händen.
Von Arne Richter und Klaus Bergmann, dpa
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