Alexander Zverev mag auf dem Platz keine Sperenzien. Der deutsche Tennisstar nimmt nach verlorenen Sätzen so gut wie nie eine taktische Toilettenpause, er greift auch nicht wie sein großer Titelrivale Jannik Sinner nach jedem Ballwechsel zum Handtuch. Und das Befühlen der Bälle, mit dem die meisten Spieler den einen für den Aufschlag auswählen, ist für ihn ein großes Mysterium.
Die Tennis-Idole Novak Djokovic und Rafael Nadal könnten ihm vielleicht «ein paar Geheimnisse über die Tennisbälle erzählen», sagte der Weltranglistendritte lächelnd: «Vielleicht bin ich zu blöd, um es zu erkennen. Aber für mich sind sie alle gleich.» Er selbst verfolgt ein simples Aufschlags-Ritual. «Ich nehme einfach den ersten (Ball), den ich bekomme. Ich versuche, so hart es geht aufzuschlagen und gewinne den Punkt. Und das ist es.»
Und so war es auch in seinem Zweitrundenmatch bei den French Open. 19 Asse schlug der gebürtige Hamburger beim ungefährdeten 6:4, 6:2, 6:2 gegen Tomas Machac. Seine Aufschlagquote war beim 550. Sieg auf der Tour wieder mal herausragend, er kassierte gegen den ab Mitte des Matches körperlich angeschlagenen Tschechen kein einziges Break.
Veränderter Spielstil: «Bis jetzt funktioniert es»
Das eigene Service war schon immer die große Stärke des fast zwei Meter großen Zverev. Doch angesichts der Dauer-Dominanz von Sinner und des aktuell verletzten Carlos Alcaraz sei ihm bewusst geworden, dass er etwas an seinem Spiel ändern müsse. Mutiger und variantenreicher will der Olympiasieger von 2021 agieren - und das zeigte er auch bei seinen zwei noch satzverlustfreien Auftritten in Paris in diesem Jahr.
«Für mich ist sein Returnverhalten entscheidend», sagte Tennis-Idol Boris Becker bei Eurosport, «und das ist jetzt deutlich besser als früher». Zverev steht vor allem beim zweiten Aufschlag seines Gegners teils deutlich dichter an der Grundlinie, um den Ball früher und damit härter zu retournieren. Dabei geht es um Spielkontrolle - und die wird gegen Topgegner nötig sein.
«Bis jetzt funktioniert es», sagte Zverev: «Wir werden sehen, wie die nächsten zehn Tage werden.» Die deutsche Nummer eins plant also schon mit dem Finale, doch in der dritten Runde wartet zunächst der Franzose Quentin Halys. Ein auf dem Papier absolut machbares Duell, bei dem Zverev sein leicht umgestelltes Spiel weiter verfeinern kann.
Boris Becker: «Es läuft ganz nach Plan»
Becker ist ein großer Fan von «Zverev 2.0». «Die Kreativität, der Stopp, die Art und Weise - das gefällt mir unglaublich gut», schwärmte das Tennis-Idol: «Es ist für mich aktuell der beste Sascha Zverev.» Der dreimalige Wimbledon-Gewinner war in der Vergangenheit oft als eine Art Chefkritiker aufgetreten, weil er - wie viele Fans und andere Experten auch - bei Zverev eine Weiterentwicklung vermisst hatte. Jetzt sagt Becker: «Ich wüsste jetzt nicht, was ich auszusetzen hätte. Es läuft ganz nach Plan.»
Der Plan ist klar: Zverev will bei den French Open die Chance auf seinen ersten Grand-Slam-Turniersieg, die sich durch Alcaraz' Fehlen deutlich erhöht hat, nutzen. Dafür braucht er nicht nur seinen Aufschlag, sondern auch Mut, Spielwitz und Selbstvertrauen. Und das nicht nur gegen Gegner, die deutlich schlechter eingestuft sind als er.
Gegen Kontrahenten außerhalb der Top Ten der Weltrangliste hat Zverev bei den French Open seit 2018 eine sagenhafte Bilanz von 36:1. Die einzige Niederlage kassierte er vor sechs Jahren gegen den damals noch als Außenseiter gestarteten Italiener Sinner.
Von Jörg Soldwisch, dpa
© dpa-infocom, dpa:260528-930-138306/2
Copyright 2026, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten