Jürgen Graf (l.) ist Ärztlicher Direktor der Frankfurter Uniklinik, Johannes Backus (r.) leitet das Kommando Gesundheitsversorgung der Bundeswehr.
Andreas Arnold/dpa
Jürgen Graf (l.) ist Ärztlicher Direktor der Frankfurter Uniklinik, Johannes Backus (r.) leitet das Kommando Gesundheitsversorgung der Bundeswehr.
Lehren für den Ernstfall

Wie sich Kliniken für Krisen und Krieg rüsten

Vom Schockraum bis zur Triage: Welche Lehren Krankenhäuser und Militär aus Pandemie, Flut und Kriegsszenarien ziehen – und was noch besser werden muss.

Vom Hubschrauber-Landeplatz auf dem Dach des Frankfurter Universitätsklinikums geht es direkt in den sogenannten Schockraum. In dem hoch spezialisierten Behandlungsraum liefert unter anderem ein Computertomograph erste Erkenntnisse über Schwere und Art der Verletzung. Die Bundeswehr verfügt zusätzlich über mobile Schockräume, die in Containern zu wechselnden Einsatzorten gebracht werden können. Wie gut wären unsere Krankenhäuser aufgestellt im Falle einer Krise oder eines Krieges? 

Zwei Männer sind darüber in engem Austausch: der Kommandeur des Kommandos Gesundheitsversorgung der Bundeswehr in Koblenz, Johannes Backus, und Jürgen Graf, Ärztlicher Direktor der Universitätsmedizin Frankfurt und Mitglied im Vorstand des Verbands der Universitätsklinika Deutschlands. Die Deutsche Presse-Agentur durfte ein Treffen exklusiv begleiten. 

Neben dem Bundeswehrzentralkrankenhaus in Koblenz gibt es vier weitere Bundeswehrkrankenhäuser in Deutschland; in Hessen liegt keines davon. Für eine «resiliente Gesundheitsstruktur» in Frieden, Krise und Krieg, wie Backus es nennt, sind also zivile Kliniken als Partner unerlässlich. 

Die Universitätsklinika, die in der Regel den Bundesländern gehören, spielten dabei eine besondere Rolle, sagt Graf: «Wir sind die Einsatzreserve der Bundeswehr.» Eine weitere Säule sind die Berufsgenossenschaftlichen Kliniken und die Knappschaftskrankenhäuser, die in der Lage sind, komplexe Kriegsverletzungen zu behandeln.

 «Ökonomischer Wahnsinn»

Von welchen Fällen sprechen wir? Der «Worst Case» wäre der Verteidigungsfall - ein Krieg auf deutschem Boden. «Es gibt Szenarien, auf die können wir uns nicht mit jedem einzelnen Detail vorbereiten», sagt Backus und bezieht sich dabei insbesondere auf die Rehabilitation Kriegsverletzter. «Das in eine Vorhaltestruktur zu bringen, wäre ökonomischer Wahnsinn.»

«Sie können nicht mehr als 1.800 Krankenhäuser in Deutschland schulen für spezielle Krankheitsbilder, die eventuell nie auftreten», findet auch Graf. Aktuell gebe es nur wenige Zentren und Experten für kriegstypische Verletzungen, aber deren Wissen könne «im Bedarfsfall skaliert werden». 

Aktiv bereitet sich das Kommando Gesundheitsversorgung der Bundeswehr derzeit auf den sogenannten Bündnisfall vor - wenn ein Nato-Mitgliedsland angegriffen und die Bundeswehr dort eingesetzt wird. In diesem Fall würden Sanitätseinheiten mit der Kampftruppe ins Einsatzgebiet verlegt. Dennoch käme auch dann auf die Krankenhäuser in der Fläche eine Mehrbelastung zu.

Neben dem Szenario «Krieg» gibt es das Szenario «Krise»: Was tun bei einem «Massenanfall von Verletzten», also wenn die Zahl der Erkrankten die regulären Kapazitäten des Rettungsdienstes übersteigt, wie das Bundesamt für Bevölkerungsschutz diesen Fall definiert? 

Bei knappen Ressourcen steht nicht die schnellste, sondern die effektivste Hilfe im Vordergrund. Hier kommt ein Begriff ins Spiel, der in der Corona-Pandemie viele Menschen erschreckte: Triage - die Kategorisierung von Patienten nach Dringlichkeit. Für Militärärzte und in der Notfallmedizin ist dieser Ansatz hingegen normal, wie Backus erklärt.

Beim Aufbau von Strukturen seien die Erfahrungen aus der Pandemie hilfreich. «Wir haben gelernt, dass föderale Strukturen harmonisiert und Ressourcen gebündelt werden müssen», sagt Backus, «weil es in großen Krisen nicht gut funktioniert, wenn 17 Stellen - der Bund und 16 Bundesländer - ihrem eigenen Plan folgen wollen». 

Der Sanitätsdienst der Bundeswehr hat vorgeschlagen, Deutschland in vier Regionen (Cluster) zu bündeln, aufbauend auf dem bereits etablierten «Kleeblatt»-System aus der Pandemie. In Hessens ziviler Kliniklandschaft gibt es seitdem einen zentralen «Planungsstab stationäre Versorgung». 

Es geht um mehr als die reine Versorgung von Patienten. Zum Beispiel, wie man sicherstellt, dass der Nachschub an Medikamenten nicht abreißt, oder die Kommunikation auch ohne Internet funktioniert. 

Die Bundeswehr habe «mit Krisen aller Art viel Erfahrung», sagt Backus: Die Pandemie, die Ahrtalflut, viele gleichzeitig ankommende Flüchtlinge - überall haben Bundeswehr, zivile Stellen und Krankenhäuser bereits zusammengearbeitet. Zu Szenarien dieser Art gehören auch Flugzeugabstürze, extreme Hitzewellen oder großflächige Stromausfälle. 

«Gesundheitssicherheit» steht in der «Strategie 2030» der Frankfurter Universitätsmedizin weit oben. Was ist nötig «zum Erhalt der Versorgung in multiplen Krisenszenarien», wie der Untertitel der Ausgabe 2026 lautet? 

Noch sehr viel zu tun

Ein Baustein ist die Sonderisoliereinheit für hochansteckende Patienten, die für die Bundesländer Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland zuständig ist. Kürzlich wurden hier Kreuzfahrpassagiere nach einem Hantavirus-Ausbruch untersucht. Ein anderer Punkt ist eine Liste mit «medizinischem Sachbedarf für Krisensituationen» - was da draufsteht, muss immer vorrätig sein. 

«Die gesamthaft gute Vorbereitung und der hohe Stellenwert von Health Security können und dürfen allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass noch sehr viel zu tun bleibt», heißt es in dem Strategiepapier.

Von Sandra Trauner (Text) und Andreas Arnold (Fotos), dpa
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