Wenn das Geld in der Ausbildung knapp wird
Teure Mieten, hohe Spritpreise und Lebenshaltungskosten - gerade Auszubildende und Studierende in Rheinland-Pfalz kann das vor echte Probleme stellen. Mit weitreichenden Folgen, warnt der DGB.
Teure Mieten, hohe Spritpreise und Lebenshaltungskosten - gerade Auszubildende und Studierende in Rheinland-Pfalz kann das vor echte Probleme stellen. Mit weitreichenden Folgen, warnt der DGB.
Beim Wocheneinkauf und beim Tanken merkt Charlène Großmann die gestiegenen Preise besonders. Da könne es schon mal knapper werden am Ende eines Monats, sagt die angehende Bankkauffrau im Foyer der Berufsbildenden Schule 3 in Mainz. Sie verdient nach eigenen Angaben rund 1.500 Euro brutto in ihrer Ausbildung und steht damit deutlich besser da als zahlreiche andere Auszubildende in Rheinland-Pfalz insgesamt.
In der Schule im Stadtteil Hartenberg stellt der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) an diesem Tag ein Dossier vor, das sich mit einem gestiegenen Armutsrisiko für junge Menschen in Ausbildung beschäftigt. Es trägt den Titel «Jung, motiviert - und trotzdem broke?»
DGB-Landeschefin Susanne Wingertszahn ist gekommen und betont: «Die Generation Z lebt nicht in Saus und Braus.» Die Politik beschließe Einsparungen und Kürzungen, dabei stehe die Perspektive junger Menschen zu selten im Mittelpunkt. «Jugendarmut ist kein Naturgesetz, sie ist politisch gemacht», sagte Wingertszahn.
DGB hält Pläne der Bundesregierung für fatal
Die Pläne der Bundesregierung, nach denen Beschäftigte bis zu vier Jahre befristet angestellt werden können, seien gerade für Junge fatal, sagt Wingertszahn. Das mache es für sie noch schwieriger auf dem Wohnungsmarkt oder bei der Aufnahme eines Kredits, es sei Gift für die Motivation und es bleibe noch weniger Zeit, etwa für ehrenamtliches Engagement.
Dass so mancher Auszubildender in der Berufsschule in Mainz, wo vor allem Auszubildende aus Gesundheitsberufen oder kaufmännischen Berufen unterrichtet werden, mit deutlich weniger Geld auskommen muss als etwa Charlène Großmann, zeigt sich bei einer Gesprächsrunde mit Vertretern von DGB und Bundesagentur für Arbeit. Einige Berufsschüler bekommen nach eigenen Angaben pro Monat gerade mal 724 Euro brutto, exakt die gesetzliche Mindestausbildungsvergütung, darunter sind etwa angehende Sport- und Fitnesskaufleute.
Das Bild variiere zwischen den Branchen sehr, weiß Caja Stübenrath. Auch im Handwerk werde teils vergleichsweise wenig bezahlt. Stübenrath ist Bezirksjugendsekretärin beim DGB Rheinland-Pfalz/Saarland. Bei Besuchen in Berufsschulen spricht sie viel mit jungen Menschen über deren Situation.
Manche Auszubildende greifen zu Broker-Apps
Einige, vor allem junge Männer, zeigten auf ihren Smartphones Broker-Apps und erzählten, dass sie damit auf dem Aktienmarkt etwas hinzuverdienen wollten. Das geschehe oft ohne oder nur mit wenig finanzieller Bildung, davon sei dringend abzuraten. Nur mit Informationen aus sozialen Netzwerken zum Finanzmarkt könne man da ganz schnell auf die Nase fallen.
Nazar Uzun, die eine Banklehre macht, kellnert nebenher. Sie würde zwar auch nur mit der Ausbildungsvergütung klarkommen, sagt sie, aber etwas mehr Geld erleichtere es, gerade angesichts hoher Spritkosten oder der Tatsache, dass das Essengehen zu zweit heutzutage schnell mal 70 bis 80 Euro kosten könne. Wünschen würden sie und Charlène Großmann sich grundsätzlich mehr Unterstützung für Auszubildende - eine Idee seien Prämien.
Uzun erzählt, sie kenne Auszubildende, die 90 Minuten lang zu ihrem Ausbildungsort unterwegs sein - nicht nur ein Zeit-, sondern ein echter Kostenfaktor. Der DGB spricht sich deshalb unter anderem für ein Azubi-Ticket in Rheinland-Pfalz aus. Und er fordert eine Bauoffensive für geförderten Wohnraum speziell für junge Menschen.
Schwieriger Wohnungsmarkt
Die Hälfte der Studierenden verfüge über weniger als 930 Euro im Monat, die Hälfte der Azubis müsse mit weniger als 1.278 Euro klarkommen, rechnet der Gewerkschaftsbund vor. Entsprechend geben laut DGB Auszubildende im Schnitt 41 Prozent ihres Einkommens für Miete aus, bei Studierenden seien es sogar 53 Prozent. Viele junge Menschen in Ausbildung wohnten noch zuhause bei den Eltern, sagt Stübenrath, obwohl mehr als 70 Prozent der Auszubildenden über 18 Jahre alt seien und selbstständig leben wollten.
Dringenden Handlungsbedarf sieht der DGB darüber hinaus bei den Bafög-Sätzen. Sie müssten an die realen Lebenskosten angepasst werden, sagt Wingertszahn. Die von der Bundesregierung angedachte Erhöhung sei nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Der Anteil der Studierenden, die in Rheinland-Pfalz überhaupt Bafög erhalten, sei mit knapp 14 Prozent sehr niedrig. Ob jemand ein Studium oder eine Ausbildung beginnen könne, dürfe jedoch nicht vom Portemonnaie der Eltern abhängen.
Wenn der Einstieg ins Berufsleben knifflig ist
Und wenn junge Menschen ganz ohne Ausbildung sind? Dann steigt das Armutsrisiko weiter. Laut DGB fanden 2024 in Rheinland-Pfalz 17,4 Prozent oder etwas mehr als 3.500 an einer Ausbildung interessierte junge Menschen keinen Ausbildungsplatz. Es brauche mehr Programme, die den Einstieg in eine Ausbildung begleiten.
Nötig seien zudem mehr Praktika in Betrieben. Gerade Jugendliche mit schwierigeren Startbedingungen überzeugten Unternehmen in Praktika von ihren Qualitäten. Die Firmen sollten nicht nur auf Zeugnisse schauen, sondern im Gespräch oder eben in Praktika Potenziale erkennen.
Wer Jugendliche mit zusätzlichem Unterstützungsbedarf ausbilde, solle wiederum nicht allein auf den Kosten sitzenbleiben. Der DGB hält einen Zukunftsfonds für Ausbildung unter Beteiligung aller Betriebe für wünschenswert. In einigen Branchen gebe es schon Umlagesysteme und sie funktionierten gut, sagt Wingertszahn, etwa in der Bauwirtschaft oder in der Altenpflege. «Das hilft jungen Menschen und sorgt auch dafür, dass an den Stellen die Ausbildungsplatzzahlen wachsen.»
Von Christian Schultz, dpa
© dpa-infocom, dpa:260907-930-647804/1
Copyright 2026, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten