Was muss sich an den Schulen ändern? Die Diskussion dazu nimmt Fahrt auf. (Archivfoto)
Philipp von Ditfurth/dpa/dpa-tmn
Was muss sich an den Schulen ändern? Die Diskussion dazu nimmt Fahrt auf. (Archivfoto)
Bildungsstudie

«Weckruf» und «Quittung» - neuer Pisa-Schock

Das geplante Verbot der privaten Handynutzung während der Schulzeit ist für die Bildungsministerin eine wichtige Maßnahme für bessere Ergebnisse. Doch das dürfte nicht genügen. Was andere sagen.

Die schlechten Pisa-Ergebnisse haben in Rheinland-Pfalz eine Diskussion über die möglichen Gründe und nötige Schritte für die Zukunft ausgelöst. Bildungsministerin Ute Eiling-Hütig sprach von einem «klaren Weckruf». «Die niedrigsten Kompetenzwerte seit Beginn der Messungen sind ein Tiefpunkt und ein mehr als deutlicher Auftrag», sagte die CDU-Politikerin in Mainz. «Insbesondere die zurückgehende Chancengleichheit je nach sozialer Herkunft empfinde ich als alarmierendes Signal.»

Der Landesvorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), Lars Lamowski, sagte, Schule solle für immer mehr gesellschaftliche Probleme als Reparaturbetrieb herhalten, könne das aber mit den aktuellen Ressourcen nicht leisten. «Die Pisa-Ergebnisse sind damit die Quittung für gesellschaftliche Entwicklungen und kein Zeugnis für schlechten Unterricht.» Schule müsse neu gedacht und ausgestattet werden, um dieser Entwicklung entgegenzutreten und Bildungsgerechtigkeit möglich zu machen. 

Schnell frühkindliche Bildung und Sprache fördern

Die Pisa-Ergebnisse basieren auf einer für Deutschland insgesamt repräsentativen Stichprobe, sie lassen aber keine Rückschlüsse auf die Kompetenzen der rheinland-pfälzischen Schülerinnen und Schüler zu. Zwölf weiterführende Schulen aus dem Bundesland waren dabei. 

Ministerin Eiling-Hütig sagte, die Bildungsministerkonferenz, der Bund und die Länder hätten schon einige Maßnahmen eingeleitet. Rheinland-Pfalz werde diese beschleunigt umsetzen - mit einer stärkeren frühkindlichen Bildung, frühen Sprachstandserhebungen, mehr Sprachförderung und einem Ausbau der Naturwissenschaften und der Informatik. 

Ministerin setzt auf Handyverbot 

«Vor dem Hintergrund der immer weiter abnehmenden Kompetenzen und den international vergleichbaren Herausforderungen bin ich zugleich umso mehr überzeugt, dass wir unsere Schülerinnen und Schüler vor einer überbordenden und ungesunden Einwirkung digitaler Medien schützen müssen», betonte die Ministerin. «Medienkompetenz bleibt wichtig, aber ein Verbot der privaten Handynutzung während der Schulzeit, wie wir es in Rheinland-Pfalz zeitnah anstreben, ist für eine gute und sichere Entwicklung der Kinder genauso unerlässlich.»

Lamowski vom VBE befand, die Politik müsse das Thema ganzheitlich angehen. «Einzelne Projekte helfen den Schulen nicht, man muss an die veralteten Strukturen heran.» Es brauche zeitnah mutige Reformen wie eine Schuleingangsklasse 0, um Kinder bestmöglich für die Schule vorzubereiten. Auch benötige es fest eingeplante multiprofessionelle Teams als selbstverständlichen Teil des Kollegiums an allen Schularten, um Herausforderungen, die über den Unterricht hinausgingen, angehen zu können. 

Stiftung Lesen: Vorlesen muss wie Zähneputzen sein

Die in Mainz sitzende Stiftung Lesen sprach sich für eine deutliche Stärkung frühkindlicher Leseförderung und mehr Vorleseaktionen aus. «Die Voraussetzungen für Lesekompetenz entstehen lange vor dem Pisa-Alter von 15 Jahren», hieß es in einer Mitteilung in Mainz. «Wer Kinder stärken will, muss sie früh erreichen - lange vor der Einschulung», sagte der Hauptgeschäftsführer der Stiftung, Jörg F. Maas. «Zehn Minuten vorlesen am Tag muss zum normalen Alltag gehören, wie tägliches Zähneputzen und das müssen Eltern wissen.»

Bildungsstudien zeigten seit Jahren eine sinkende Lesekompetenz von Kindern und Jugendlichen. Rund jedes vierte Kind verlasse die Grundschule, ohne ausreichend gut lesen zu können, sagte Maas. Hinter dem Drittel der Jugendlichen in der Pisa-Studie mit sehr eingeschränkten Lesekompetenzen «stehen echte junge Menschen, die voraussichtlich ihr ganzes Leben lang mit den Folgen fehlender Lesekompetenz kämpfen werden», mahnte Maas.

In Lesen, aber auch Mathematik und Naturwissenschaften wurden bei den getesteten 15-Jährigen in der aktuellen Pisa-Studie noch niedrigere Werte als im ersten Jahr 2000 nach dem Pisa-Schock festgestellt.

© dpa-infocom, dpa:260908-930-651080/2
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