«Wadenbeißerin» gegen sexualisierte Gewalt an Kindern
Anette Diehl will als erste rheinland-pfälzische Landesbeauftragte gegen sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen Betroffenen mehr Gehör verschaffen. Was sie für ihr Amt plant.
Anette Diehl will als erste rheinland-pfälzische Landesbeauftragte gegen sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen Betroffenen mehr Gehör verschaffen. Was sie für ihr Amt plant.
Als langjährige Mitarbeiterin des Frauennotrufs Mainz bringt Anette Diehl fast vier Jahrzehnte Erfahrung in der Beratung von Betroffenen sexualisierter Gewalt mit. Vom 1. Juli an konzentriert sie sich verstärkt auf die Bekämpfung der Ursachen: Dann tritt sie das Amt der unabhängigen Landesbeauftragten gegen sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen in Rheinland-Pfalz an.
Ihre Hartnäckigkeit werde ihr in der neuen Funktion zugutekommen, sagt Diehl im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur in Mainz. «Ich bin, glaube ich, bestellt worden, weil ich eine Kämpferin bin. Ich bezeichne mich selbst auch gerne als "Wadenbeißerin".»
Die gelernte Erzieherin absolvierte Ausbildungen in personenzentrierter Beratung und qualifizierte sich zur Trauma-Fachberaterin weiter. Zudem engagierte sie sich in der politischen Strategiearbeit und war auf Landes- und Bundesebene in zahlreichen Fachgremien aktiv.
Die Kombination aus praktischer Beratung, fachlicher Weiterbildung und politischem Engagement sieht sie als Grundlage für ihre neue Aufgabe. «Ich verstehe mich eben auch als Stimme von Betroffenen.»
Bestehende Hilfsangebote besser vernetzen
Ein zentrales Ziel sei es, die Perspektive von Betroffenen stärker in politische Entscheidungen einzubringen. «Häufig wird über Betroffene geredet, aber nicht mit ihnen», sagt sie. Deshalb sei die Zusammenarbeit mit dem Landesbetroffenenrat ein wichtiger Bestandteil ihrer künftigen Arbeit. In dem 2023 geschaffenen Gremien sitzen Menschen, die selbst Erfahrung mit sexualisierter Gewalt in der Kindheit oder Jugend gemacht haben.
Zugleich sieht Diehl Verbesserungsbedarf bei der Vernetzung bestehender Hilfs- und Unterstützungsangebote. In Rheinland-Pfalz gebe es bereits zahlreiche Initiativen und Programme zum Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexualisierter Gewalt. «Aber vieles läuft parallel nebeneinander», kritisiert sie. Ziel sei es, Kompetenzen besser zu bündeln und Zuständigkeiten klarer sichtbar zu machen.
Ebenso will Diehl die gesellschaftliche Sensibilisierung für das Thema stärken. Geplant seien unter anderem verstärkte Öffentlichkeitsarbeit und Kampagnen. Es gehe nicht nur um die Unterstützung Betroffener, sondern auch um Prävention und die Bekämpfung von Ursachen. Dabei wolle sie den Blick stärker auf Machtverhältnisse, Grenzverletzungen und strukturelle Probleme richten.
Amt mit Vorreiterrolle
Diehls Stelle ist dem Ministerium für Arbeit, Soziales, Frauen, Jugend und Familie angegliedert und geht auf Empfehlungen des rheinland-pfälzischen Pakts gegen sexualisierte Gewalt zurück. Ziel der insgesamt 40 Empfehlungen ist es, den Schutz von Kindern und Jugendlichen zu verbessern. Diehl bezeichnet die Empfehlungen als «Gold wert» und als wichtige Grundlage für ihre künftige Arbeit.
Nach Angaben des Ministeriums übernimmt Rheinland-Pfalz mit der Einrichtung der Stelle bundesweit eine Vorreiterrolle. Diehl hofft, dass Ämter wie ihres künftig auch in anderen Bundesländern entstehen. «Für das Thema braucht es immer Verbündete und es braucht Verbundene. Und da habe ich ein großes Interesse, das auch in anderen Bundesländern zu schaffen.» Als einen ihrer ersten Schritte plant sie den Austausch mit der Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs auf Bundesebene, Kerstin Claus.
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