Unklare Lage? Polizei orientiert sich an Formel 1
In Sinzig hält eine vermeintliche Geiselnahme die Bevölkerung in Atem. Wie handeln die Einsatzkräfte, wenn fast alles unklar ist? Ein erfahrener Polizist erklärt die Boxenstopp-Taktik.
In Sinzig hält eine vermeintliche Geiselnahme die Bevölkerung in Atem. Wie handeln die Einsatzkräfte, wenn fast alles unklar ist? Ein erfahrener Polizist erklärt die Boxenstopp-Taktik.
Wie agiert die Polizei in unklaren Bedrohungslagen? Im Idealfall wie bei einem Boxenstopp in der Formel 1, sagt Martin Bachmaier, Vizepräsident der Deutschen Hochschule der Polizei in Münster. Als ehemaliger Fachgebietsleiter Schwerkriminalität war er nach eigenen Angaben bei einer dreistelligen Zahl von Bedrohungslagen dabei.
Im rheinland-pfälzischen Sinzig war die Polizei am Freitag von einer Geiselnahme in einer Bankfiliale ausgegangen. Erst nach Stunden wurden zwei Menschen aus einem verschlossenen Raum befreit, Geiselnehmer trafen die Einsatzkräfte beim Zugriff nicht an.
Wenig Information, viel Dynamik
«Die Zielrichtung bei unklaren Lagen - ob das Geiselnahmen, Entführungen, Anschläge oder Ähnliches sind - ist zuerst einmal zu eruieren, was tatsächlich vorliegt. Das heißt, valide und fundierte Daten zu erheben: über die Anzahl der Täter, über potenzielle Geiseln oder Opfer, über die Bewaffnung», erklärt Bachmaier. «Häufig ist es bei diesen Lagen der Fall, dass man in dieser Anfangsphase hohes Informationsdefizit hat und eine sehr hohe Dynamik.»
Wie also gehen die Einsatzkräfte vor? «Man analysiert potenzielle Szenarien. Man schaut sich die Wahrscheinlichkeiten an», sagt Bachmaier. «Und dann entscheidet man sich zu einem bestimmten Zeitpunkt für die zu diesem Zeitpunkt bestmögliche Lösung.»
«Wie beim Boxenstopp»
Um sich auf unklare Bedrohungslagen vorzubereiten, würden die Abläufe kontinuierlich trainiert, wie Bachmaier erklärt. «Das ist ähnlich wie bei der Formel 1. Wenn man so ein Formel-1-Team beim Boxenstopp sieht, dann weiß da jeder ganz genau, was er machen muss.»
Man müsse aber auch eingestehen, «dass der Faktor Glück in Teilen eine Rolle spielt». Das Ziel sei immer der 100 Prozent perfekte Einsatz. «Aber ich kann Ihnen aus eigener Erfahrung sagen, 100 Prozent sind ganz schwer zu erreichen.»
© dpa-infocom, dpa:260509-930-55870/1
Copyright 2026, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten