Wenn es schlimme Unfälle mit Toten gibt, rücken sie aus. Die Spezialisten vom Verkehrsunfallaufnahme-Team (VU-Team) der Polizei Trier haben in ihrem Kleinbus alles dabei, was sie für die Spurensicherung brauchen: Drohnen, Kamera, Sprühkreide, Markierungen, GPS-Vermessungssystem – und einen Rechner, mit dem sie Daten von den Unfallautos auslesen können.
Für die Spezialteams, die es in Rheinland-Pfalz erst seit 2023 gibt, ist das neu. «Das Auslesen von Daten war vorher bei einer normalen Unfallaufnahme der Polizei gar nicht möglich», sagt Polizeikommissar Christian Rehlinger vom VU-Team. Mit einer neuen Software ziehen sich die Ermittler nach einem Crash nun die Daten herunter, die auf dem Airbag-Steuergerät abgelegt sind. «Es handelt sich um die letzten fünf Sekunden, bevor der Airbag ausgelöst wird.»
Moderne Technik hilft Crash-Profilern
Die Daten sagen den Ermittlern etwa, wie schnell das Fahrzeug bei welcher Motordrehzahl und welchem Lenkwinkel fuhr. «Anhand der Daten kann man auch oft herauslesen, was kurz vor dem Unfall passiert sein könnte», sagt Rehlinger (28), der aus dem Saarland stammt. «Zum Beispiel können die Daten Hinweise darauf geben, ob ein Fahrer möglicherweise eingeschlafen sein könnte oder das Lenkrad verrissen hat.»
Zur Arbeit der Experten gehört auch eine umfangreiche Fotodokumentation mit einer Spiegelreflexkamera. «Wir machen alles viel intensiver, als dies vorher in den Dienststellen bei einer Unfallaufnahme möglich war», sagt Polizeihauptkommissar Marco Pientak vom VU-Team. Bei einem einzelnen Unfallszenario nehmen sie demnach hunderte Fotos von allen möglichen Spuren auf.
Auch Drohnen kommen dafür zum Einsatz. Diese würden nach einem bestimmten Schema Bilder vom Unfallort aus der Luft machen, aus denen das Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz dann ein 3D-Modell fertige. Die Arbeit vor Ort dauere: «Wir sind an einer Unfallstelle drei bis fünf Stunden beschäftigt», sagt Pientak.
Expertenteams soll es landesweit geben
Bisher gibt es in Rheinland-Pfalz die besonderen VU-Teams nur bei den Polizeipräsidien in Koblenz und Trier. In Koblenz sind die Ermittler seit Sommer 2023 bei der Verkehrsdirektion angedockt, in Trier seit Ende 2024 bei der Kriminalpolizei. Im Herbst soll das nächste Team in Mainz an den Start gehen.
Perspektivisch soll auch die Polizei in Ludwigshafen und Kaiserslautern solche Expertenteams bekommen. «Konkrete Entscheidungen diesbezüglich stehen noch aus und ein konkreter Zeitplan wurde noch nicht festgelegt», sagt ein Sprecher des rheinland-pfälzischen Innenministeriums.
Auslöser für die neuen Spezialteams sei die fortschreitende Digitalisierung in den Fahrzeugen gewesen, sagt Pientak. «Sie sind heute fahrende Computer.» Um die Daten nutzen zu können, habe die Polizei die Verkehrsunfallaufnahme an moderne Gegebenheiten anpassen wollen. So wurden schließlich die VU-Teams als Pilotprojekte ins Leben gerufen.
«Über Jahre hat man bei diesen sehr herausragenden und umfangreichen Unfalltatorten regelmäßig auf Gutachter zurückgegriffen», berichtet Pientak. «Man muss aber sagen: Bei jedwedem polizeilichen Szenario, seien es Unfälle oder Straftaten: Die Spurensicherung ist ureigenste Aufgabe der Polizei.»
Die gesammelten Daten dienten der späteren Unfallrekonstruktion – und könnten später in möglichen Strafprozessen für Gutachter eine wichtige Grundlage sein.
Ministerium: Teams liefern hochwertige Beweissicherung
Die bislang eingerichteten VU-Teams in den Polizeipräsidien Koblenz und Trier haben sich nach Angaben des Innenministeriums bewährt. «Durch ihre spezialisierte Ausbildung gewährleisten sie eine qualitativ hochwertige und objektive Beweissicherung», teilt ein Sprecher mit.
Zudem habe die enge Zusammenarbeit mit Staatsanwaltschaften und Sachverständigen dafür gesorgt, dass in vielen Fällen auf zusätzliche, externe Gutachter vor Ort verzichtet werden könne. Die Spezialisten kämen vor allem bei Unfällen mit Getöteten, bei technisch komplexen Sachverhalten oder im Zusammenhang mit illegalen Kraftfahrzeugrennen zum Einsatz.
Die Spezialisten seien eine sinnvolle Ergänzung für die Polizei Rheinland-Pfalz, weil die Anforderungen an die Unfallaufnahme – vor allem durch zunehmende technische Komplexität moderner Fahrzeuge und Fahrerassistenzsysteme – stetig stiegen.
Beispiel aus der Praxis: «Nichts mehr verändern!»
Der bisher größte Einsatz für das Trierer VU-Team war ein Unfall mit vier Toten auf der B51 zwischen Trier und Bitburg im November 2025 gewesen. Ein Auto und ein Lastwagen waren frontal zusammengestoßen. Im Auto starben Vater, Mutter und ein Kind, im Lkw der Fahrer.
«Wenn wir alarmiert werden, gilt der Grundsatz: Bitte friert die Situation vor Ort ein, nichts mehr verändern!», sagt Pientak. Dazu gehöre auch, dass die Toten in den Fahrzeugen blieben. «Für uns ist oft wichtig, wie jemand im Auto gesessen hat und ob er angeschnallt war.»
Die Arbeit vor Ort sei damals sehr aufwendig gewesen. Daten aus dem Airbag-Steuergerät habe man nicht mehr nutzen können, da es bei dem Crash völlig zerstört wurde. Auf der Fahrbahn habe man nach Blockier-, Brems-, Drift- und Kratzspuren gesucht und diese festgehalten, erzählt Rehlinger.
So habe man die exakte Stelle der Kollision gefunden: An der sogenannten Schlagmarke seien Stücke aus dem Asphalt herausgerissen worden, sagt Rehlinger. So konnte man sagen, dass das Auto auf die Gegenfahrspur geraten und frontal mit dem Lastwagen zusammengestoßen war.
«Das geben die Daten her», sagt Rehlinger. Dennoch gebe es Grenzen. «Wir können aber nicht alle Fragen klären.» In diesem Fall: «Warum das Auto auf die Gegenfahrbahn kam?» Darauf gebe es keine Antwort.
Von Birgit Reichert (Text) und Harald Tittel (Foto), dpa
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