Nonnen aus der Wetterau wagen Neuanfang am Rhein
Für die Benediktinerinnen aus dem idyllisch gelegenen Kloster Engelthal in der Wetterau heißt es letzte Kisten packen. Nach über sechs Jahrzehnten verlassen sie den Ort und siedeln um nach Bingen.
Für die Benediktinerinnen aus dem idyllisch gelegenen Kloster Engelthal in der Wetterau heißt es letzte Kisten packen. Nach über sechs Jahrzehnten verlassen sie den Ort und siedeln um nach Bingen.
Schmerzhafter Abschied und hoffnungsvoller Neubeginn - nach 64 Jahren haben die Benediktinerinnen Kloster Engelthal im Wetteraukreis aufgegeben und siedeln in diesen Wochen auf den Rochusberg in Bingen am Rhein um. Auch für Äbtissin Elisabeth Kralemann ist der Umzug ein persönlicher Wendepunkt. Vor fünf Jahrzehnten kam sie erstmals in das Kloster bei Altenstadt im Wetteraukreis, nachdem ihr eine Bekannte von diesem beschaulichen und spirituellen Ort erzählt hatte. «Es war Liebe auf den ersten Blick», erinnert sie sich. Jetzt stehen die Zeichen für sie und ihre Mitschwestern auf Aufbruch.
Arbeit wurde für die Gemeinschaft zu viel
Über viele Jahre war die fünf Hektar große Anlage in der Wetterau Lebensmittelpunkt für die Ordensschwestern. Ein großes Wohnhaus und ein Gästehaus, die historische Kirche und der weitläufige Garten - all das gehört zu Kloster Engelthal und wurde über Jahrzehnte liebevoll von den Benediktinerinnen gepflegt - bis die Arbeit für die mittlerweile nur noch zwölf Nonnen zu viel wurde. Die jüngste von ihnen ist 53 Jahre alt, die älteste 99. Sie war die erste der Gemeinschaft, die zu den Kreuzschwestern am Rochusberg in Bingen umziehen durfte, im klostereigenen Seniorenheim wird sie nun gepflegt.
Die Entscheidung für die Umsiedlung hat sich die Ordensgemeinschaft nicht leicht gemacht. Die Schwestern nahmen professionelle Beratung in Anspruch und diskutierten auch mögliche Kooperationen. Weil sich aber alles «nicht als zielführend» erwies, sei im Konvent schließlich die klare Entscheidung für den Rochusberg als neues Domizil gefallen.
Angekommen im neuen Zuhause
Auch die Äbtissin selbst ist dort bereits angekommen. Bei Ferienaufenthalten hatte sie in früheren Jahren das Kloster inmitten der Weinberge bereits kennenlernen dürfen, dabei seien Vertrautheit und Nähe mit den Kreuzschwestern entstanden - und schließlich bei Gesprächen auch die Idee, dass die Benediktinerinnen in dem zuvor geschlossenen Exerzitienhaus ein neues Zuhause finden könnten. Die Ordensschwester fühlt sich hier wohl. Sie genieße die wunderbare weite Sicht auf den Rhein und auf die Umgebung, die höhere Lage, «die einem irgendwie guttut», sagt die 77-Jährige.
Verbindung halten mit Engelthal
Aber auch mit Engelthal wollen die Benediktinerinnen verbunden bleiben. So viele Erinnerungen hängen an diesem Ort: Noch heute hat Schwester Elisabeth vor Augen, wie sie als junge Frau dort aus der Großstadt ankam und angetan war von der ländlichen Umgebung mit Wiesen, Wald und den Feldern der Wetterau. Auch die Gottesdienste sprachen sie sehr an, sagt die Äbtissin. Sie habe schon immer gerne gesungen - als Schülerin bereits und als junge Frau in einem Kammerchor. «Und dann hatte ich so das Gefühl, wenn du da eintrittst, du machst dein Hobby zum Beruf.» Sie sei dort eingekleidet worden, habe ihre Gelübde abgelegt, «da ist man mit solch einem Ort natürlich sehr verbunden».
Leben mit festen Regeln
Ein Leben als katholische Ordensschwester - das bedeutet Gemeinschaft, feste Regeln und für außenstehende Betrachter auch Verzicht. Noch in jungen Jahren hätte sie sich durchaus vorstellen können, einmal zu heiraten und Kinder zu haben, bekennt die Äbtissin - «aber nachdem ich mich entschieden und an Engelthal und Gott gebunden habe, ist das keine Frage mehr gewesen. Ich hatte meine Aufgaben, die mich sehr ausgefüllt haben.»
Ihren Namen - Benediktinerinnen-Abtei Kloster Engelthal - werden die Schwestern künftig weiter führen und am Rochusberg eigenständig bleiben. Bei gelegentlichen Besuchen in der Wetterau wollen sie auch ihrer verstorbenen Mitschwestern auf dem Friedhof des Klosters gedenken. Dass Engelthal künftig ein Hospiz werden soll, findet die Äbtissin eine «sehr gute Nachnutzung», dafür übergebe sie das Kloster gerne. Schon seit der Gründung durch Zisterzienserinnen im 13. Jahrhundert lebe die Gebetstradition an diesem Ort. «Und ich denke, diese Atmosphäre, die spüren Menschen, die dafür empfänglich sind, auch, ja, dass sie da aufgehoben sind, dass gute Mächte sie begleiten.»
Künftige Aufgaben noch offen
Und worin sehen die Engelthaler Schwestern ihre zukünftige Aufgabe auf dem Rochusberg? «Das lasse ich jetzt erstmal offen», sagt Elisabeth Kralemann. «Wir richten uns hier ein.» Was dann von ihnen gewünscht und gebraucht werde, lasse man auf sich zukommen. «Wir werden sicherlich irgendwie in irgendeiner Form in der Pastoral tätig sein, in der geistlichen Begleitung von Menschen, was wir immer schon gemacht haben, vielleicht auch mal mit kleinen Gruppen arbeiten.»
Bischof sprach Benediktinerinnen «Hochachtung» aus
Zum Ausstand in der Wetterau hatten die Nonnen im August mit dem Mainzer Bischof Peter Kohlgraf und zahlreichen anderen Gästen in Kloster Engelthal einen Abschiedsgottesdienst gefeiert. Laut Bistumshomepage hatte Kohlgraf dabei den Schwestern für ihre Arbeit und ihr Glaubenszeugnis seine «Hochachtung» ausgesprochen.
Er habe immer die besondere Atmosphäre des Gebets, der Gastfreundschaft und Sympathie geschätzt, und die Schwestern hätten mit ihrem Charisma die Gemeinschaft geprägt, so der Bischof. «Es geht etwas verloren.» Zugleich beeindrucke ihn, mit welchem Mut die Benediktinerinnen die Wirklichkeit angenommen hätten. «Die Schwestern gehen nicht, um das Klosterleben abzuwickeln. Sie wollen an einem neuen Ort leben und arbeiten.» Ganz ähnlich drückt es auch die Äbtissin aus. «Das ist eine neue Chance für die ganze Gemeinschaft - und vielleicht nochmal eine Verlebendigung.»
Von Christine Schultze (Text) und Florian Wiegand (Fotos), dpa
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