Beim Verkehrssicherheitstraining für Wiedereinsteiger sind überwiegend Männer am Start. (Archivbild)
Daniel Vogl/dpa
Beim Verkehrssicherheitstraining für Wiedereinsteiger sind überwiegend Männer am Start. (Archivbild)
Wiedereinstieg aufs Motorrad

Nach Fahrpause: Wenn Männer über 50 wieder aufs Bike steigen

Wind im Gesicht, Adrenalin im Blut – doch nach Jahren Pause lauern neue Risiken. Warum Wiedereinsteiger auf dem Motorrad besonders vorsichtig sein sollten und welche Fehler oft passieren.

Es sind überwiegend Männer über 50, teils bis in die 70er Jahre. Die meisten der Kursteilnehmer haben seit vielen Jahren nicht mehr auf dem Motorrad gesessen. «Aus beruflichen und privaten Situationen manchmal seit Jahrzehnten», berichtet Volker Weicherding, Präsident der Landesverkehrswacht in Rheinland-Pfalz. Sie alle wollen laut Weicherding wieder Biker sein, sich den Wind auf einer kurvenreichen Strecke um die Nase wehen lassen, Gas geben auf der Straße. Aber ist das auch sicher? 

Nicht mangelnde Erfahrung ist nach Einschätzung des ADAC bei Wiedereinsteigern das größte Risiko, sondern die Fehleinschätzung der eigenen aktuellen Fahrpraxis. Wer nach mehreren Jahren wieder auf das Motorrad steigt, sollte deshalb nicht davon ausgehen, dass das frühere Fahrgefühl sofort zurückkehrt. Motorradfahren sei anspruchsvoll und verlange Routine. Zudem werden die körperlichen und mentalen Anforderungen häufig unterschätzt.

Viele Motorradunfälle nach längerer Fahrpause

Viele Motorradunfälle passierten nach längeren Fahrpausen und zu Beginn der Saison, mahnt Mirco Hillmann vom ADAC Mittelrhein. Nach mehreren Jahren ohne regelmäßige Fahrpraxis gingen wichtige Routinen verloren. Gleichzeitig verfügten moderne Motorräder häufig über deutlich mehr Leistung als die Maschinen, die viele Fahrerinnen und Fahrer früher gefahren haben.

Es geht aber auch um die veränderte Motorradtechnik, die sich die wieder einsteigenden Biker im fortgeschrittenen Alter sich aneignen müssen. Viele Motorräder verfügten mittlerweile über ABS, berichtet der Experte von der Verkehrswacht. Das Antiblockiersystem soll verhindern, dass die Räder bei einer Vollbremsung blockieren. Das setze aber gerade beim Kurvenfahren eine andere Technik voraus. 

Besondere Regeln für Gruppenfahrten

Das Verkehrssicherheitstraining von Expertenorganisationen wie der Verkehrswacht oder dem ADAC im Hunsrück oder am Nürburgring sieht daher auch spezielle Kurse extra für Wiedereinsteiger vor. Dabei geht es dann vor allem um das richtige Bremsen, das Üben der Schräglage, das Ausweichen von Hindernissen, Slalom fahren sowie die Themen Motorradtechnik und Sicherheitsausrüstung.

«Viele Leute fahren auch gerne in der Gruppe, machen viele Ausfahrten», erzählt Weicherding von einem weiteren Trainingselement. Dabei sei darauf zu achten, dass in der Gruppe absolutes Überholverbot besteht. Weiterhin sollten die Biker versetzt fahren. So können alle Teilnehmer der Gruppe weit vorausschauend fahren und einen gewissen Abstand zum Vordermann für den notwendigen Bremsweg halten.

Nicht gleich Vollgas geben

Der ADAC empfiehlt, sich nicht sofort auf längere Touren oder anspruchsvolle Strecken zu begeben. Sinnvoll seien zunächst kurze Fahrten auf vertrautem Terrain, um sich wieder an Beschleunigung, Bremsverhalten, Kurventechnik und die eigene Reaktionsfähigkeit zu gewöhnen. Auch das Motorrad selbst sollte vor der ersten Ausfahrt gründlich überprüft werden, mahnen die Verkehrsexperten. Besonderes Augenmerk gelte dabei Reifen, Bremsen, Beleuchtung und Flüssigkeitsständen.

«Die Verkehrsdichte nimmt zu, es wird auch aggressiver gefahren», berichtet Weicherding, der lange in der Verkehrsunfallprävention im Landeskriminalamt im Einsatz war. Deshalb gelte für Motorradfahrer: «Wenn ich keine Knautschzone habe, muss ich doppelt aufpassen und extrem vorausschauend fahren, immer mit den Fehlern der anderen Verkehrsteilnehmer rechnen.» Deshalb werde auch appelliert, mit sichtbarer Kleidung und einem leuchtenden Helm zu fahren, dazu eine Warn- und eine Airbag-Weste zu tragen. 

Mehr tödliche Motorradfahrerunfälle

Auf den Straßen in Rheinland-Pfalz gab es im vergangenen Jahr so viele Tote wie seit Jahren nicht mehr. Bei diesen Unfällen kamen nach Angaben des Verkehrsministeriums 158 Menschen ums Leben, 28 mehr als im Jahr zuvor. Motorradfahrer waren insgesamt an 2.864 Unfällen auf den Straßen im Land beteiligt. 39 Menschen starben im Verkehr und damit vier mehr im Jahresvergleich.

Der Spaß am Motorradfahren nimmt nach Einschätzung des Vorsitzenden der Mainzer Verkehrswacht dennoch weiter zu. Bedingt durch die vielen Krisen in der Welt sagten sich viele Leute: «Ich fahre oder fliege lieber nicht in den Urlaub, sondern kaufe mir ein Motorrad und kann hier in meiner Region unterwegs sein.»

Die Nachfrage nach Motorrad-Sicherheitstraining für Wiedereinsteiger sei daher gut, auch Frauen seien unter den Teilnehmenden - wenn auch in der Minderzahl. Bei manchen Bikern über 70 Jahre gebe es dann mitunter auch die Selbsterkenntnis, dass es vom körperlichen und gesundheitlichen Zustand dann nicht mehr geht mit einer flotten Ausfahrt auf dem motorisierten Zweirad, erklärt der Präsident der Landesverkehrswacht mit 24 Anlaufstellen im Land. «Aber mussten bislang noch keinem Teilnehmer sagte, dass er es besser sein lassen soll.»

Von Bernd Glebe, dpa
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