Leonie will einen Beruf, der bleibt
Abitur, Studium, Bürojob? Nicht für Leonie Bothe. Die 19-Jährige lernt Tischlerin und bricht dabei auch mit Klischees. Hinter ihrer Entscheidung steckt ein besonderer Grund.
Abitur, Studium, Bürojob? Nicht für Leonie Bothe. Die 19-Jährige lernt Tischlerin und bricht dabei auch mit Klischees. Hinter ihrer Entscheidung steckt ein besonderer Grund.
Mit ihren frisch manikürten Händen schiebt Leonie Bothe die Schleifmaschine über die Holzplatte. Der Ringfinger ist mit Blümchen verziert, über den Ohren trägt die 19-Jährige einen Gehörschutz. Ein Anblick, der Klischees vom Handwerk ins Wanken bringt. Bothe ist im ersten Ausbildungsjahr zur Tischlerin, in ihrem Ausbildungsbetrieb Schreiner Wolf in Moschheim im Westerwald ist eine weibliche Azubi eine Premiere.
Dass sie ausgerechnet diesen Beruf gewählt hat, hat auch mit ihrer Familie zu tun. Ihr Stiefgroßvater war Tischler und sie dachte sich: «Das wäre auch schön, in die Fußstapfen zu treten, meinem Opa zuliebe.» Ausgebildet wird sie heute von einem Mann, der ebenfalls sehr von besagtem Opa geprägt wurde. «Ich habe bei Leonies Großvater gelernt», erzählt Schreinermeister Olaf Wolf, bei dem sogar die Brille aus Holz ist. «Das war schon wirklich Kunst, was der gemacht hat.» Verwandt oder verschwägert sind Bothe und Wolf nicht.
Nichts was «irgendwelche Roboter machen»
Für die 19-Jährige war nach dem Abitur schnell klar, dass sie keinen Beruf erlernen möchte, dessen Zukunft ungewiss ist. «Ich möchte eine Ausbildung machen, die, wenn jetzt zum Beispiel eine Pandemie eintritt, nicht hinfällig werden könnte», sagt sie.
Auch Künstliche Intelligenz (KI) spielte bei ihrer Entscheidung eine Rolle. «Man möchte ja keinen Job lernen, wo man jetzt schon weiß, dass der in fünf Jahren vielleicht gar nicht mehr existiert, weil es irgendwelche Roboter machen.» Im Tischlerhandwerk sieht sie diese Gefahr nicht. «Ich denke, da ist bei uns eigentlich die KI noch ziemlich weit von entfernt.»
Da geht ihr Ausbilder mit. Ganz ersetzen werde KI das Handwerk nicht, glaubt auch Wolf. Zwar könne sie Angebote schreiben, Schreiben an Lieferanten verfassen oder Holzplatten so berechnen, dass möglichst wenig Verschnitt entsteht. Doch Möbel entwerfen, Materialien auswählen und sie handwerklich umsetzen bleibe Aufgabe von Menschen.
Gerade dieses Arbeiten mit Holz begeistert Bothe. Kein Baum gleiche dem anderen, sagt sie. Selbst zwei Bohlen derselben Eiche unterschieden sich in Maserung und Farbe. «Man kann aus der gleichen Holzart zwei ganz unterschiedliche Sachen bauen.» Das Material mache jedes Möbelstück zu einem Unikat.
Was einen Tisch ausmacht
Was viele nicht wissen: Tischler bauen längst nicht nur Tische. Fenster, Türen, Einbauschränke oder individuelle Möbel gehören ebenso zum Alltag. Doch gerade ein Tisch ist etwas Besonderes, meint Wolf. Er müsse stabil sein, bequem und gleichzeitig funktionieren. Die ideale Tischplatte sei für ihn fast schwebend, er selbst denkt nach Möglichkeit außerhalb der klassischen vier Tischbeine.
Vor allem aber sei ein Tisch weit mehr als ein Möbelstück: Er sei ein zentrales Element der Wohnung oder des Hauses. «Die meisten Unterhaltungen finden ja am Tisch», sagt Wolf. Hier werde gegessen, diskutiert, gefeiert oder gespielt. Ein Esstisch bleibe oft über Jahrzehnte Mittelpunkt des Familienlebens.
Und warum nennt sich Wolf Schreiner und nicht Tischler? «Schreiner heißt es im Süden und im Norden heißt es Tischler, die Bedeutung ist aber identisch.»
«Lern was Anständiges»
Das Handwerk kämpft bis heute gegen Vorurteile. «Hier, nee, lern was Anständiges», habe hieß es früher oft, erzählt Wolf. Auch Bothe erlebte nach ihrer Entscheidung vor allem Überraschung. Freunde hätten gesagt: «Boah, du im Handwerk, also mega cool, aber konnten wir uns jetzt bis jetzt gar nicht so vorstellen.» Oder auch: «Vor allem im Handwerk wird es als Frau ja nicht leicht sein.» Dass Frauen dort keinen Platz hätten, könne sie aus eigener Erfahrung nicht bestätigen. «Es ist eigentlich sehr schön, als Frau in dem Beruf zu arbeiten.» Sie sehe für sich damit auch viele Karrierechancen.
Tatsächlich steigt der Frauenanteil im Tischlerhandwerk in der Region, wie die Handwerkskammer Koblenz mitteilte. In ihrem Kammerbezirk sank die Zahl der Auszubildenden zwar von 441 im Jahr 2016 auf 358 Anfang 2026. Gleichzeitig erhöhte sich der Anteil weiblicher Lehrlinge von 6,6 auf 15,4 Prozent.
Fähige Auszubildende zu bekommen, ist Wolf zufolge nicht leicht. Oft scheitert es etwa an Mathekenntnissen. Seiner Meinung könnten in jedem Fall die Klischees zurückgelassen werden und mehr Frauen ins Handwerk kommen. «Es wird ja mittlerweile auch gut verdient, da gucken manche kariert», sagt er.
Auch Bothe hofft, dass sich mehr junge Menschen auf das Handwerk einlassen. «Es macht Spaß. Es ist ein abwechslungsreicher Beruf. Man hat jeden Tag was Neues.» Und am Ende bleibe etwas, das in einer zunehmend digitalen Welt selten geworden sei: «Man sieht am Ende des Tages bestenfalls, was man geschafft hat.»
Von Alina Grünky (Text) und Thomas Frey (Foto), dpa
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