Die heutige Landrätin hat bei der Flut ihr Haus verloren. (Symbolbild)
Thomas Frey/dpa
Die heutige Landrätin hat bei der Flut ihr Haus verloren. (Symbolbild)
Im Interview

Landrätin nach Ahr-Flut: «Hinschmeißen war keine Option»

«Es wird keine Hilfe geben»: Diese Worte musste Cornelia Weigand in der Flutnacht Menschen sagen. Was solche Momente mit ihr gemacht haben und wie sie heute auf den Katastrophenschutz blickt.

Als die Flut 2021 ins Ahrtal kam, riss sie Autos, Häuser und Leben mit sich. Wie Tausende andere Anwohner verlor auch die damalige Bürgermeisterin der Verbandsgemeinde Altenahr, Cornelia Weigand, ihr Zuhause in meterhohen Wassermassen. In einem offenen Brief an die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Ex-Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) drängte Weigand auf Hilfe und Unterstützung – und verschaffte sich Gehör. Heute, fünf Jahre später, ist Cornelia Weigand 55 Jahre alt und parteilose Landrätin des Kreises Ahrweiler.

Frage: Wer war Cornelia Weigand vor der Flut?

Weigand: Ich war zu der Zeit Bürgermeisterin der Verbandsgemeinde Altenahr. Ich habe 2019 im Sommer angefangen, dann kam 2020 Corona. Damals lag mein großer Fokus darauf, die Menschen gut durch die Corona-Zeit zu bringen. Im Sommer 2021 war die letzte Schließungsphase gerade ein paar Wochen vorbei, die Hotels waren wieder offen. Es war bei uns alles ausgebucht, als diese Flut durch das Tal gerollt ist und alles zerstört hat, was sich ihr in den Weg stellte.

Frage: Was hat sich Ihnen aus der Flutnacht und den ersten Stunden danach besonders eingebrannt?

Weigand: Was mich sehr schockiert hat, war, dass es keine auch nur ansatzweise verlässlichen Prognosen gab, durch die ganze Nacht nicht. Die letzten Werte, die kommuniziert wurden, waren falsch und kamen, als wir die Pegelstände schon erreicht hatten. Und obwohl ich schon 2016 gesagt hatte, dass wir bei einem Hochwasser Hubschrauber brauchen werden, gab es keine.

An dem Abend auf dem Balkon vom Rathaus, wo ich dann teilweise noch mobil telefonieren konnte, musste ich Anrufern sagen: Es wird keine Hilfe geben. Und diese Leute und ihre Häuser sind weggeschwommen. Wir haben am nächsten Morgen die Zerstörung im Ort sehen können – und wir haben dort die ersten Toten geborgen. Das sind natürlich Sachen, die machen wahrscheinlich mit den meisten Menschen etwas. Die haben mit mir auch etwas gemacht.

«Natürlich ist auch das Land Teil der Katastrophe»

Frage: Sie haben sich dann sehr früh öffentlich geäußert. Warum haben Sie sich dazu entschieden, laut zu werden?

Weigand: Die Entscheidung war ganz schnell klar, in der Nacht und am Morgen, weil das Ausmaß der Katastrophe, die Zerstörung so groß war. Wir brauchten Hilfe, und zwar sofort und in großen Mengen. Hinschmeißen war für mich keine Option, weil ich ja wusste, warum ich das mache: Wir haben ganz viele Menschen verloren, viele Nachbarn, viele Freunde, das Zuhause von ganz vielen – manche sind mit Nichts außer dem nackten Überleben davongekommen.

Frage: Was würde Ihnen eine Entschuldigung der Landesregierung bedeuten?

Weigand: Eine Entschuldigung wäre ein wichtiges Signal, das sich viele Menschen hier im Tal wünschen, das sie sich seit bald fünf Jahren sehnlich gewünscht haben. Da geht es nicht per se um ein Schuldeingeständnis. Aber natürlich ist auch das Land Teil der Katastrophe und deswegen hätten sich sehr viele Leute eine Entschuldigung gewünscht. Das bringt die Menschen, die wir verloren haben, nicht zurück, aber vielleicht kann es dabei helfen, Wunden zu heilen.

Frage: Gibt es denn ausreichend Aufarbeitung nach der Flut?

Weigand: Wenn man in Richtung Katastrophenschutz schaut, dann ist ganz viel passiert. Wir haben im Bereich Katastrophenschutz eine Stabsstelle hier in der Verwaltung eingerichtet. Wir haben in Material investiert, in Fahrzeuge, in Ausrüstung. Wir haben unsere Ehrenamtlichen noch intensiver geschult. Wir haben die Alarm- und Einsatzpläne grundlegend neu aufgestellt.

Das Land hat das Landesamt eingerichtet und dort eben auch eine 24/7-Erreichbarkeit, die auch in kleineren wichtigen Lagen jetzt schon gut unterstützt. Somit können wir hoffen, dass wir im Bereich Katastrophenschutz wirklich deutlich besser aufgestellt sind als vor 2021 – und das eben auf allen Ebenen.

Wiederaufbau im Ahrtal «die größte Baustelle Deutschlands»

Frage: Wo sehen Sie heute Fortschritte im Ahrtal und wo sehen Sie noch Wunden der Katastrophe?

Weigand: Es ist schon wirklich viel passiert. Ganz viele Private sind in ihre Häuser zurückgekehrt, viele Unternehmen sind wieder am Start, touristische Betriebe haben aufgemacht. Wir genießen es, dass einfach wieder Leben da ist. Es gibt eine neue Normalität. Das ist nicht mehr wie vorher, aber es gibt wieder Alltag. Das tut einfach gut. 

Ein großes Highlight für uns alle war die Wiedereröffnung der Ahrtalbahn. Doch auch einige der ganz großen Bauprojekte stehen jetzt noch an: Kommunale Brücken, die großen Schulen, die Feuerwehrhäuser, also es ist auch noch einiges zu tun.

Frage: Warum dauert der Wiederaufbau so lange?

Weigand: Ich kann die Frage total gut verstehen. Ich wohne nach der Sanierung unseres Hauses jetzt auch wieder mitten im Ahrtal und es wäre schön, wenn alles schon fertig wäre. Emotional absolut verständlich, sachlich betrachtet handelt es sich allerdings um die größte Baustelle Deutschlands. Hier wird mehr gebaut und mehr Geld verbaut als irgendwo anders in Deutschland. Und das braucht auch bei allem Tempo-Machen ein bisschen Zeit.

Und was wir eben auch machen wollten ist, für die Zukunft zu planen, und nicht möglichst schnell nur das Alte wieder aufzubauen wie vorher. Beispielsweise bei Schulen berücksichtigen wir neue pädagogische Konzepte und bauen teilweise auch neue Gebäudeteile an, die aus anderen Mitteln als dem Aufbauhilfefonds finanziert werden müssen.

Frage: Haben Sie Angst, dass so eine Flut wiederkommen könnte – gerade bei angekündigtem Starkregen? 

Weigand: Wir wissen, Klimawandel sei Dank: Extreme Ereignisse können häufiger kommen und können auch noch schwerer in der Ausprägung sein. Insofern dürfen wir uns auf dem, was wir machen, nie ausruhen. Und ja, ich habe früher Gewitter unbeschwerter erlebt, als ich das heute tue. Ich glaube, das geht sehr vielen so.

«Für extreme Ereignisse brauchen wir mehr Schutz»

Frage: Wie geht es mit dem Hochwasserschutz voran?

Weigand: Da, wo wir bauen können, bauen wir. Wir wollen der Ahr mehr Raum geben und gleichzeitig die Gewässerqualität erhöhen. Die Gewässerwiederherstellung umfasst 100 Flusskilometer an der Ahr und deren Zuläufe. In Kreuzberg zum Beispiel ist diese Maßnahme größtenteils abgeschlossen, an anderen Orten rollen die Bagger.

Wir wissen aber, für extreme Ereignisse brauchen wir mehr Schutz. Wir kämpfen für große Rückhaltebecken. Im sogenannten überörtliche Maßnahmenplan sind 17 Beckenstandorte im Einzugsgebiet der Ahr herausgearbeitet worden und ein Beckenstandort im Kreis, der ein anderes Gewässer betrifft. Wir reden von geschätzten Kosten von ungefähr 1,5 bis 2 Milliarden Euro, wenn wir alle Becken bauen dürfen. Unsere Hoffnung ist, dass der Aufbauhilfefonds dafür geöffnet wird.

Wir haben drei Standorte priorisiert. Dafür hat uns die alte Landesregierung eine Anschubfinanzierung für die Planung zugesagt. Und jedes Becken, was wir bauen dürfen, bedeutet zusätzlichen Schutz.

Frage: Wo liegen für Sie die Grenzen zwischen notwendigem Erinnern und einer möglichen Retraumatisierung?

Weigand: Jeder Mensch geht mit Trauer, mit Verlust, mit Ängsten unterschiedlich um. Die Gefühle sind auch ein bisschen eine Achterbahn. Es gibt Tage, da geht es einem gut, und es gibt Tage, da holt einen etwas ein. Manche Menschen möchten gar nicht erinnert werden und verreisen normalerweise auch zum Jahrestag. Andere möchten nicht alleine sein, wieder andere würden sich gerne im Gespräch austauschen. Und insofern geht es darum, viele Angebote zu schaffen, Orte von Begegnung, Orte von Austausch und Gedenken. Aber so, dass die Menschen sich aussuchen können, ob sie sich überhaupt dieser Angebote gewahr werden und vielleicht etwas davon annehmen möchten.

Von Alina Grünky, dpa
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