Kurz nach Wahlerfolg abgewählt: AfD-Fraktionschef Bollinger
Die AfD ist mit ihrem Spitzenkandidat Bollinger in Rheinland-Pfalz so stark geworden wie in keinem anderen westdeutschen Landtag. Drei Tage später wird er abgewählt.
Die AfD ist mit ihrem Spitzenkandidat Bollinger in Rheinland-Pfalz so stark geworden wie in keinem anderen westdeutschen Landtag. Drei Tage später wird er abgewählt.
Jan Bollinger zeigte sich von seiner Abwahl selbst überrascht: Kurz nach der Landtagswahl hat sich in Mainz die deutlich erstarkte AfD für einen anderen Oppositionsführer entschieden: Wie viele Stimmen ihr bisheriger Geschäftsführer Michael Büge bei der Kampfkandidatur bekam, teilte die Fraktion nicht mit. Auch er habe Erklärungsbedarf, sagte Bollinger.
«Ich bin nicht davon ausgegangen, dass man drei Tage nach dem größten Wahlerfolg in der Geschichte der AfD in Westdeutschland den Fraktionsvorsitzenden und Spitzenkandidaten nicht mehr wählt», sagte der 49-Jährige. Er werde sich aber konstruktiv in die Fraktionsarbeit einbringen. «Ich werde weiterhin genauso auftreten, wie ich das bisher getan habe.»
Münzenmaier prägt den Landesverband stärker
Bollinger gibt sich meist freundlich und fröhlich. Im Wahlkampf allerdings nannte er den CDU-Chef und wohl künftigen Ministerpräsidenten Gordon Schnieder bei einer öffentlichen Wahlsendung im SWR einen «lächerlichen Versager».
Als prägende Figur des Landesverbands gilt jedoch schon länger nicht Bollinger, sondern sein Stellvertreter, der Bundestagsabgeordnete Sebastian Münzenmaier. Und bei öffentlichen Auftritten Bollingers ergänzte der Beisitzer im Landesvorstand und künftige Landtagsabgeordnete Robin Classen zuletzt gerne die Aussagen seines Landeschefs.
Auch Bollinger war der Gewinner eines Machtkampfs
Bollinger ist selbst aus einem parteiinternen Machtkampf innerhalb des Landesverbands als Sieger hervorgegangen. 2022 übernahm er den Landesvorsitz von Michael Frisch und im Anschluss auch den Vorsitz der Landtagsfraktion. Wie lange Bollinger noch Landeschef bleibt, ist offen.
Schon bei seiner Wahl zum Spitzenkandidaten für die Landtagswahl hatte es im vergangenen Sommer zwei überraschende Gegenkandidaten gegeben. Bollinger kam dennoch auf 71,33 Prozent der Stimmen.
Eine AfD-geführte Landesregierung würde Ausreisegewahrsam und Abschiebehaft einführen und den Flughafen Hahn als Abschiebeflughafen zum nationalen Pilotprojekt machen – mit stündlichen Abschiebeflügen, hatte Bollinger im Wahlkampf angekündigt. Der Rundfunkstaatsvertrag würde sofort gekündigt, die Windkraft beendet und Rheinland-Pfalz in die Atomkraft einsteigen.
Bollinger war Verwaltungsleiter in der Jugendhilfe
Bollinger hat Volkswirtschafts- und Betriebswirtschaftslehre in Greifswald, Bonn und Koblenz studiert und in Kassel in Wirtschafts- und Sozialwissenschaften promoviert. Er arbeitete als Unternehmensberater und einige Jahre als Verwaltungsleiter in der Jugendhilfe.
In die AfD trat Bollinger 2013 ein. Seit 2016 sitzt er für die Alternative für Deutschland im rheinland-pfälzischen Parlament. Er hatte angekündigt, die neue Stärke der Fraktion für Untersuchungsausschüsse nutzen zu wollen, etwa zur Corona-Politik und zum Sonderurlaub von Landesbeamten.
Bollinger hört Metal und mag Nord- und Ostsee
Bollinger wurde in Koblenz geboren und ist in Neuwied aufgewachsen, wo er auch heute lebt. «Ich bin seit langer Zeit glücklich vergeben und verbringe natürlich auch gerne Zeit mit meiner Lebensgefährtin», antwortet er auf die Frage nach Familie und Kindern.
Im Urlaub reise er gerne an Nord- und Ostsee. Er wandert aber auch gerne auf den Rheinhöhen am Mittelrhein. Bollinger fährt gerne Rad und hält sich mit Sport fit. Er hört Rock sowie Metal, etwa von der Band Metallica.
Von Ira Schaible, dpa
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