Tim Himmes und seine Schwestern haben ihr Elternhaus an der Ahr wieder aufgebaut.
Boris Roessler/dpa
Tim Himmes und seine Schwestern haben ihr Elternhaus an der Ahr wieder aufgebaut.
Flutkatastrophe im Jahr 2021

«Jetzt passen sie auf» - Erschöpfung und Hoffnung im Ahrtal

Fünf Jahre nach der Flutkatastrophe im Ahrtal mit mindestens 135 Toten und Hunderten Verletzten sind die verheerenden Folgen noch immer sicht- und spürbar. Was Anwohner beschäftigt.

Wenn es an der Ahr stark regnet, klingelt bei Tim Himmes regelmäßig das Handy. «Meine Schwestern rufen mich auch nachts an, wenn das Wasser steigt», berichtet der 26-Jährige rund fünf Jahre nach der tödlichen Flut im Ahrtal. Der Schausteller ist viel unterwegs und lebt mit den jungen Frauen und deren Kindern nur wenige Meter von der Ahr entfernt. 

Ihr Elternhaus in dem Dorf Schuld im Norden von Rheinland-Pfalz, das bei der Flutkatastrophe in großen Teilen verwüstet wurde, haben sie wieder aufgebaut und Ersatz für die zerstörten Fahrgeschäfte und die Losbude gefunden. Die schlammigen und stinkenden Wassermassen hatten im Sommer 2021 nicht nur Haus und Hof der Familie überschwemmt, sondern auch Autos und Fahrgeschäfte mit sich gerissen. «Seit ungefähr einem halben Jahr haben wir jetzt auch wieder eine Straße vorm Haus», sagt Himmes. 

Manches sieht noch so aus, als ob die Flut gestern war

Straßen und Häuser: Vieles an der Ahr ist wieder aufgebaut, manches schöner als vorher. Anderes fehlt noch oder ist Provisorium. Und einiges sieht immer noch so aus, als ob die verheerende Flut erst gestern gewesen wäre. 

«Es gibt eine Zeitrechnung vor und nach der Flut»

«Wenn ich dauernd daran denken würde, wäre ich nicht hier», sagt Gastronom und Hotelier Wolfgang Ewerts aus der Ortsgemeinde Insul. Klar sei aber auch: «Es gibt eine Zeitrechnung vor und nach der Flut.»

In dem Dorf ist nicht mehr viel von den drastischen Schäden zu sehen, die Stammgäste, darunter Wanderer und Radfahrer sind längst zurück, auch wenn der gesamte Radweg noch immer nicht ganz fertig ist. «Ohne die vielen freiwilligen Helfer hätten wir das nie geschafft», erinnert Ewerts.

Und trotzdem sind längst nicht alle Orte so weit wie Insul. Im Weinort Mayschoß etwa wird noch kräftig gearbeitet, auch in Altenahr. «Wie lange so was dauert, was in sechs Stunden kaputtgegangen ist - irre», sagt der 58 Jahre alte Ewerts, der sein Wohnhaus und seinen Betrieb wieder aufbauen musste und immer weiter investiert hat.

Sein ausgebautes Hotel sei schöner als vorher. Mancher Gast frage ihn sogar: «Waren Sie überhaupt betroffen?» Die Erinnerungen an die öligen Wassermassen kommen aber auch bei Ewerts immer wieder. Beim Aufladen der elektrischen Teelichter in seinem Restaurant etwa sagt er: «Die sind hier leuchtend im Wasser rumgeschwommen.» 

Am Jahrestag wird vielerorts an der Ahr an die Flutkatastrophe erinnert, manche Bewohner kehren dem Tal zu der Zeit aber auch bewusst den Rücken, wollen Ruhe statt gemeinsames Gedenken. «Ich weiß, wie die Nacht war, und ich kann überall für meine Mutter eine Kerze anzünden», sagt eine 70-Jährige, die vom 14. auf den 15. Juli 2021 viele Stunden in Todesangst auf dem Dach ihres später abgerissenen Hauses verbracht hat. Ihre Mutter kam bei der Katastrophe ums Leben. Die 70-Jährige und ihr Mann haben in der Nähe ihres alten Hauses neu angefangen, weiter weg vom todbringenden Fluss. 

Insgesamt starben mindestens 135 Menschen. Mehrere hundert wurden verletzt. 

Leere im Kopf, erschöpft, ruhebedürftig - so beschreiben mehrere Anwohner von der Ahr, wie sie sich fühlen. Und auch wenn ihre Häuser wieder stehen und aussehen wie neu, vermissen einige das alte lebendigere Dorfleben und die Gemeinschaft aus der Zeit vor der Flut. Es habe in den fünf Jahren des Wiederaufbaus auch viel Neid, Vereinzelung und Rückschläge gegeben, sagt einer, der seinen Namen nicht nennen will. Andere kämpfen immer noch mit Anträgen und Formularen. 

Verwüstete Rebflächen liegen noch brach

«Eigentlich läuft bei uns schon alles wieder auf Normalmodus», sagt Britta Stodden vom renommierten Rotweingut Jean Stodden in Rech, einem Familienbetrieb von 1900 und Mitglied beim Verband Deutscher Prädikatsweingüter. Allerdings: «Es wäre schön, wenn der versprochene Bürokratieabbau auch eingetreten wäre. Statt schnellen unkomplizierten Lösungen müssen wir uns weiter durch die Flut der Formulare und Nachweise kämpfen.» So könnten von der Flut betroffene Rebflächen auch fünf Jahre danach nicht wieder bepflanzt werden.

Der Bahnbetrieb sei dagegen wie versprochen wieder aufgenommen worden. «Das war gut und zuverlässig», sagt Stodden. Allerdings daure der Wiederaufbau der Schulen. Ihre Kinder würden immer noch in Containern unterrichtet.

«Wenn das nochmal passiert, dann sind wir weg» 

Wenn seine Schwestern anrufen, sei er eigentlich entspannt, sagt Himmes. Denn: «Jetzt passen sie auf», ergänzt er mit Blick auf die Behörden. Der 26-Jährige befürchtet aber auch: «In 20 oder 40 Jahren interessiert es keinen mehr. Dann passt keiner mehr auf, ob die Flut zurückkommt.» Und ist überzeugt: «Wenn das nochmal passiert, dann sind wir weg.» 

Ewerts, der in der Ahr schwimmen gelernt und als Fünfjähriger auf dem vereisten Flüsschen unter einer Brücke eingebrochen ist und fast ertrunken wäre, betont: Es gebe keine Bogenbrücken mehr, an denen sich Autos, Hausteile, Holz und Unrat stauen könnten, und die Ahr habe mehr Platz, sich auszudehnen. «Ob das reicht, sei dahin gestellt.» 

Wenn die Ahr-Bewohner das nächste Mal mit dem Hinweis gewarnt würden: «Es kann so schlimm werden wie 2021», dann würden sich sicherlich alle rechtzeitig in Sicherheit bringen, ist Ewerts überzeugt. «Sie haben uns 2021 gesagt, es kann so schlimm werden wie 2016. Und in dem Jahr war bei uns gar nichts.»

Von Ira Schaible (Text) und Boris Roessler (Fotos), dpa
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