Hitze setzt Wildvögeln zu – Pflegestellen am Limit
Wenn es unter Dächern heiß wird, leiden Küken in den Nestern besonders. Derzeit gibt es extrem viele «Hitzespringer». Warum das so ist - und wie ihnen geholfen wird.
Wenn es unter Dächern heiß wird, leiden Küken in den Nestern besonders. Derzeit gibt es extrem viele «Hitzespringer». Warum das so ist - und wie ihnen geholfen wird.
Für Jenny Leuteneker beginnt der Dienst morgens um 5.30 Uhr - und endet erst gegen Mitternacht. «In diesem Jahr ist es einfach extrem», sagt die 35-Jährige, die sich in der Initiative Wildvögel vom Verein «Taubenhilfe Kaiserslautern» engagiert.
Mehr als 100 Vögel versorgt und füttert sie aktuell von morgens bis abends: Spatzen und Amseln, Hausrotschwänze, Stare und einige Schwalben. Die große Zahl an hilfsbedürftigen Vögeln in diesem Jahr hängt vor allem mit der Hitze der vergangenen Woche zusammen: «Vor allem die Dachbrüter springen reihenweise aus den Nestern, um den Temperaturen zu entkommen.»
Manche Tiere sind noch so jung, dass sie alle 15 bis 20 Minuten gefüttert werden müssen. Die nimmt die Vogelfreundin dann mit zu der Baufirma, wo sie arbeitet, um sie kontinuierlich versorgen zu können. «Zum Glück ist mein Arbeitgeber so nett, dass das möglich ist.»
Nicht nur in Kaiserslautern in Rheinland-Pfalz herrscht seit Ende Juni ein Ausnahmezustand. Der Verein «Mauerseglerhilfe Apus» in Gorxheimertal im hessischen Kreis Bergstraße hat in diesem Sommer bereits 800 Mauer- und Alpensegler in seinen acht Pflegestellen in Deutschland aufgenommen. Allein in der eigenen Station rund 100 aus Rheinland-Pfalz, dem Saarland und Baden-Württemberg. «Die diesjährige Saison stellt jedoch alles bisher Dagewesene in den Schatten», sagt die Vereinsvorsitzende Jeanette Mayer. «Zeitweise gingen im Minutentakt neue Notrufe ein.»
Die außergewöhnlich langanhaltende Hitze sei für die Nestlinge lebensbedrohlich. Mauersegler, die instinktiv aus den Nestern springen und noch nicht flugfähig sind, seien am Boden ohne menschliche Hilfe verloren.
Besonders anspruchsvolle Pflege
Doch gerade diese Vögel brauchen eine ganz besondere Versorgung: «Mauersegler gehören zu den anspruchsvollsten heimischen Wildvogelarten in der Pflege. Sie sind reine Insektenfresser und dürfen ausschließlich mit geeigneten Insekten ernährt werden», sagt Mayer, die hauptberuflich als Tierpflegerin in der Mauerseglerklinik in Frankfurt arbeitet. Bereits eine falsche Fütterung könne schwerwiegende gesundheitliche Folgen haben und die spätere Auswilderung unmöglich machen.
Laut Mayer unterscheide sich die fachgerechte Versorgung in vielen Punkten von der anderer Wildvogelarten. «So muss beispielsweise das Gefieder unbedingt vor Fetten und Schweiß der menschlichen Haut geschützt werden», sagt sie. Auch Futterreste oder andere Rückstände dürften keinesfalls im Gefieder bleiben, da sie dort verderben, die Federstruktur beeinträchtigen und die Tiere schwer erkranken lassen können. Ebenso seien Schnabel und Schleimhäute besonders empfindlich gegenüber Keimen und Bakterien und sollten nicht mit bloßen Fingern berührt werden.
Weil viele Pflegestellen seit Wochen überfüllt sind und mitunter einen Aufnahmestopp verhängen mussten - wie etwa in der Wildvogelauffangstation des Saarlandes in Püttlingen - wurden so manche Mauersegler zunächst privat oder in weniger erfahrenen Pflegestellen versorgt. «Diese Tiere erreichen uns nun vermehrt und leider nicht selten in einem deutlich schlechteren Zustand», sagt Mayer. Folgen einer falschen oder unzureichenden Versorgung seien Mangelerscheinungen, Fehlentwicklungen des Gefieders oder Unterernährung.
Zweite Brut von Schwalben
Auch Schwalben benötigen aktuell eine besondere Pflege. «So schlimm wie bei der ersten Hitzewelle Ende Juni war es noch nie», sagt Sandra Manier von der ehrenamtlichen Wildvogelhilfe in Mannheim, die sich in Rohrbach bei Landau auf die Aufzucht von Schwalben spezialisiert hat. Mehr als 100 Tiere versorgte sie in dieser ersten Zeit bei sich zu Hause. «Bis aus Hessen und Karlsruhe kamen die Leute angefahren.»
Auch wenn die Tiere in dieser ersten Phase schon fast flugfähig waren und bereits ausgewildert werden konnten, sei noch keine Entspannung eingetreten: Aktuell ist die zweite Brut von der Hitze betroffen und aus dem Nest gesprungen oder gefallen. «Es sind noch Nestlinge, die mindestens noch ein, zwei Wochen Pflege brauchen.»
Derzeit seien es 70, die in ihrem Flugzimmer auf das Leben in Freiheit vorbereitet werden und lernen müssen, Insekten zu fangen. Im Gegensatz zu Mauerseglern, die das instinktiv sofort könnten, werden junge Schwalben auch außerhalb des Nestes zunächst noch von den Eltern gefüttert.
Es sind unzählige Stunden, die die ehrenamtlichen Helfer mit dem Aufpäppeln der Vögel verbringen. Entsprechend steigen die Futterkosten: «Alle Pflegestellen brauchen kiloweise tiefgekühlte Insekten», sagt Jenny Leuteneker.
Allein in dieser Saison hätten sich die Kosten für die Wildvögel-Hilfe in Kaiserslautern auf mehr als 1.600 Euro bereits verdoppelt - allein für Insekten. Hinzu kommen noch die auf die Vogelarten angepassten Sämereien, Nussmischungen und Obst. Mehr denn je seien Spenden vonnöten.
Hilfe erhoffen sich die Tierfreunde nicht nur in finanzieller Form: «Wir brauchen auch viele ehrenamtliche Helfer, die einfach nur waschen oder putzen oder die Käfige reinigen», sagt Nicole Brzoska, Leiterin der Zentralen Wildvogelauffangstation des Saarlandes in Püttlingen. Unterstützung benötigt auch die «Mauerseglerhilfe Apus»: etwa Fahrer, die Notfalltransporte für gefundene Mauersegler übernehmen.
Langfristig setzt der Verein auf die Ausbildung von weiteren fachkundigen Helfern für die Pflege. Auch wenn die Temperaturen aktuell etwas gesunken sind, ist eines für Jeanette Mayer klar: Die Hitzewelle habe eindrucksvoll gezeigt, welche Auswirkungen extreme Wetterereignisse auf die heimischen Gebäudebrüter haben können. «Und wir müssen davon ausgehen, dass sich solche Situationen künftig häufiger wiederholen werden.»
Von Katja Sponholz, dpa
© dpa-infocom, dpa:260720-930-409678/2
Copyright 2026, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten