Die neue interdisziplinäre Ausbildungsstation ist in der I. Medizinischen Klinik und Poliklinik der Unimedizin.
Andreas Arnold/dpa
Die neue interdisziplinäre Ausbildungsstation ist in der I. Medizinischen Klinik und Poliklinik der Unimedizin.
Medizin und Pflege

Gemeinsam besser - neue Ausbildungstation der Unimedizin

An der einzigen Uniklinik von Rheinland-Pfalz läuft ein Pilotprojekt, das den Mediziner- und Pflege-Nachweis noch dichter zusammenbringen soll. Wie das genau funktioniert.

«Wie geht es Ihnen?», fragt Jasmin Jolani in einem Zimmer im Gebäude 605 der Mainzer Universitätsmedizin. Im Bett vor ihr liegt eine Patientin, die nach einem zweiwöchigen Klinikaufenthalt vor der Entlassung steht. Um sie herum hat sich eine größere Gruppe aus Ärzten, Pflegekräften, Medizinstudierenden wie Jolani und Pflege-Auszubildenden zusammengefunden. Genau das ist die Besonderheit. 

Der Raum ist eines von zwei Patientenzimmern der neuen interdisziplinären Ausbildungsstation in der I. Medizinischen Klinik und Poliklinik der Unimedizin. Hier übernehmen Medizinstudentinnen und -studenten in ihrem praktischen Jahr gemeinsam mit Pflege-Auszubildenden die Betreuung von insgesamt vier Patienten - von der Aufnahme bis zur Entlassung. Das gibt es in der Form in keinem anderen Krankenhaus von Rheinland-Pfalz. 

Von Visite bis zu Diagnostik

Die Medizinstudierenden und Pflege-Auszubildenden übernehmen Visiten, entwickeln Behandlungspläne, beraten über Diagnostik. Welche Laborwerte braucht es und wie soll es nach der stationären Behandlung weitergehen? All solche Fragen kommen hier auf sie zu, unter Begleitung erfahrener Mediziner und Pflegekräfte, die sich aber bewusst im Hintergrund halten. 

Es geht darum, praxisnah zu lehren und früh die ärztliche und pflegerische Seite zueinanderzubringen, Hemmschwellen abzubauen, ein Miteinander zu üben. Optimalerweise sollen Ideen und Wissen aus beiden Welten auf dem Weg zur bestmöglichen Versorgung von Patienten helfen. 

Weites Feld an Erkrankungen

Betreut werden Patienten mit ganz unterschiedlichen Erkrankungen. Die Frau, um die sich Jolani gerade kümmert, kam mit einer Ketoazidose in die Unimedizin, einer potenziell lebensgefährlichen Übersäuerung des Blutes. Zu der kann es kommen, wenn dem Körper extrem viel Insulin fehlt. Bei der Frau wurde die Erstdiagnose einer Zuckererkrankung gestellt. Es kann aber auch um Infektiologie gehen, um Stoffwechselerkrankungen jeglicher Art, Erkrankungen von Leber, Galle oder Verdauungstrakt, ebenso wie Nierenerkrankungen oder Krebserkrankungen - ein weites Feld also. 

Was auch immer es im Detail ist, stets ist ärztliches Wissen das eine, pflegerisches Wissen das andere. Pflegekräfte verbringen in der Regel deutlich mehr Zeit direkt bei Patienten, können wichtige Hinweise zu deren Zustand oder Wohlbefinden geben. Das sei beispielsweise sehr wichtig für die Frage, ob nach einem stationären Aufenthalt eine Reha nötig sei oder eine dauerhafte pflegerische Unterstützung, sagt Christian Lange, Direktor der I. Medizinischen Klink und Poliklinik. 

Das Pilotprojekt der interdisziplinären Ausbildung läuft seit Mai. Bislang müssen sich Medizinstudierende dafür bewerben, nur ein Bruchteil kann hier für vier Wochen Station machen. Etwas anders bei den Pflege-Auszubildenden: Sie durchlaufen alle die Station, meist für drei Wochen, wie Daniela Schneider, zentrale Praxisanleiterin in den Pflegeberufen, erklärt. 

Klinikdirektor spricht von besserem Austausch

Schon jetzt zeige sich, dass es zu einem besseren Austausch komme, erzählt Klinikdirektor Lange. «Das macht die Ausbildung besser.» Rüdiger Uhl sieht das genauso. Er war einer der Köpfe beim Aufbau der Ausbildungsstation und ist die pflegerische Department-Leitung. Klassischerweise werde monodisziplinär ausgebildet und im Job solle dann sofort eng zusammengearbeitet werden. Das sei für viele ein harter Übergang. Exakt darauf soll hier vorbereitet werden. 

Medizinstudentin Sara Yorulmaz war vor einigen Wochen auf der Ausbildungsstation. Es sei im praktischen Jahr sonst nicht üblich, dass Studierende etwa Therapie-Entscheidungen treffen. Hier sei das - unter Supervision - anders. Es gehe viel um selbstständiges Arbeiten. Würden sonst Teilaufgaben an Studierende dirigiert, müssten sie nun den Patienten als Ganzes im Blick haben. «Wir müssen uns selbst Gedanken machen.» 

Hier ist der Griff zum Telefon üblicher als sonst 

Es fange schon damit an, dass es in der interdisziplinären Ausbildungsstation die Studierenden oder Pflege-Auszubildenden seien, die ans Telefon gehen, Ansprechpartner für Kollegen sind, die Kommunikation mit den Patienten übernehmen und Visiten leiten. Ihr helfe diese Erfahrung inzwischen auf ihren klinischen Folgestationen enorm, sagt Yorulmaz. 

Yvonne Huber, Oberärztin, Lehrbeauftragte und ärztliche Projektleiterin der Ausbildungsstation, sagt, anfangs seien Studierende bei Visiten oft unsicher. Das ändere sich, nach einiger Zeit träten sie selbstsicherer und souveräner auf. Für Schneider sind Pflegekräfte andernorts oft «Beiwerk» bei Visiten. Das sei in dieser Station komplett anders. Mitreden sei angesagt.

Neben ihr steht Kevin Kierstein, er ist im zweiten Jahr seiner Ausbildung zum Pflegefachmann. Er sagt, er könne sich sehr stark einbringen, das motiviere unheimlich, mache Spaß. «Ich komme jeden Tag gerne.» 

Es braucht Ressourcen

Fragt sich, warum es erst jetzt ein solches Projekt gibt? Es frisst auch Ressourcen, es braucht Lehrbeauftragte nur für diese Ausbildungsstation. Die Station ist ein Kostenfaktor in einem auf Rentabilität getrimmten Gesundheitssystem. Klinikdirektor Lange sagt, die Station sei in gewisser Weise eine Reaktion auf Veränderungen im Gesundheitswesen. Die Arbeit sei heutzutage stark verdichtet. Das mache neue Formate nötig, weil sich weniger Dinge quasi nebenher einschieben ließen als früher. 

Abseits der Unimedizin stößt das Projekt gleichermaßen auf Zustimmung. Andreas Wermter, Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft Rheinland-Pfalz, sagt, der Krankenhaus-Alltag lebe von enger Zusammenarbeit. Interprofessionelle Ausbildung rücke Zusammenarbeit in den Fokus mit dem Ziel, die medizinische, pflegerische und psychosoziale Versorgung zu verbessern. Das Projekt könne beispielgebend für andere Kliniken sein.

Ähnlich klingt das beim Präsidenten der Landespflegekammer, Markus Mai. «Wer schon während der Ausbildung gemeinsam lernt, versteht besser, was die andere Profession kann und welche Verantwortung sie trägt.» Andere Länder seien da schon deutlich weiter.

Von Christian Schultz (Text) und Andreas Arnold (Foto), dpa
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