Ein Haus für Schweitzer, Schnieder und 99 andere
Die beiden Kandidaten für das Amt des Ministerpräsidenten in Rheinland-Pfalz haben ein Bett an derselben Adresse. Aber nicht nur sie. Das Mainzer Abgeordnetenhaus ist etwas Besonders in Deutschland.
Die beiden Kandidaten für das Amt des Ministerpräsidenten in Rheinland-Pfalz haben ein Bett an derselben Adresse. Aber nicht nur sie. Das Mainzer Abgeordnetenhaus ist etwas Besonders in Deutschland.
In einer der rund 22 Quadratmeter großen Büro-Wohnungen haben Abgeordnete wichtige Weichen für zehn Jahre Ampel-Koalition in Rheinland-Pfalz gestellt. Auch heute wird in den 101 Mini-Appartements des Abgeordnetenhauses in Mainz so manches vertraulich besprochen. Zwischen Schreibtischen, ausklappbaren Wandschrank-Betten, Küchenzeilen und Bürofluren geht es aber auch ganz gesellig zu.
Leben wie in einer «Erwachsenen-Jugendherberge»
«Man kann seine Sachen hier lassen, schnell mal duschen oder eine Bluse wechseln, und man kann spontan entscheiden, wann man nach Mainz kommt, und ob man bleibt», sagt Lana Horstmann aus Neuwied in ihrem Büro-Zimmer. «Es ist schon cool mit der Unterkunft, aber kein Leben in Saus und Braus», betont die SPD-Abgeordnete. «Es dreht auch mal einer die Musik auf und hier wird viel gelacht.» Aber: «Das ist alles im Rahmen, wie in einer Erwachsenen-Jugendherberge.»
Ministerpräsident Alexander Schweitzer, Landtagspräsident Hendrik Hering (beide SPD) und Oppositionsführer Gordon Schnieder (CDU) übernachten mitunter auch in dem gläsernen Gebäude am Rhein - alle drei buchstäblich unter einem Dach. Hering wohnt im Westerwald, Schweitzer in der Pfalz und Schnieder in der Eifel.
Manchmal klopft es noch spät am Abend
Hering spricht von einer «tollen Sache», die viel Zeit und Energie spare und «immer eine gute Gelegenheit ist, mit den anderen MdLs, auch fraktionsübergreifend, außerhalb des parlamentarischen Geschäfts ins Gespräch zu kommen». Schnieder sagt: «Es ist auch für die parlamentarische Arbeit gut. Wir Abgeordneten sind nah beieinander. Da klopft man auch mal spätabends noch bei jemandem an die Tür, um sich abzustimmen oder etwas zu besprechen.»
«Studentenbude trifft den Vergleich»
«Es ist nett und gesellig, aber in erster Linie superpraktisch», sagt Schnieders Nachbar, der Parlamentarische Geschäftsführer der CDU-Fraktion, Marcus Klein. «Studentenbude trifft den Vergleich, und auch ein bisschen das Lebensgefühl - trotz steigenden Alters, sagt der 49-Jährige schmunzelnd. Vor allem in den Zimmern seiner Kollegen aus den Weinbauregionen komme man abends zusammen, berichtet der Pfälzer. «Die allermeisten haben eine Flasche Wein oder ein paar Flaschen Bier kalt.»
Auch Stephan Wefelscheid von den Freien Wählern vergleicht das Abgeordnetenhaus mit einem Studentenwohnheim. «Es kam nicht nur einmal vor, dass die Tür aufging und Handwerker plötzlich im Zimmer standen, während ich gerade dabei war mich umzuziehen.» Auch er schätzt das Angebot sehr. «Man spart sich die Auto- oder Zugfahrt. Das sind von Koblenz nach Mainz und zurück immerhin rund drei Stunden.» Er zahle im Quartal 91,38 Euro Zweitwohnsitzsteuer für das Zimmer. «Das ist es mir allemal wert.»
Das «Goldene Eck» ist legendär
Die Abgeordneten der seit Jahrzehnten stärksten Fraktion, der SPD, treffen sich abends im «Goldenen Eck». Woher der Name für die beiden dunkelgrauen über Eck stehenden Sofas vor dem Sitzungsaal der Fraktion kommt, ist nicht mehr bekannt. «Da bringt jeder was mit», berichtet Horstmann. Die 39-Jährige ist gern bei den geselligen Treffen neben einem Bild von Willy Brandt dabei: «Das Goldene Eck ist fürs Teamgefühl wichtig.» Gelegentlich kämen auch Kollegen aus anderen Fraktionen dazu. In Wahlkampfzeiten wie derzeit würden solche überparteilichen Zusammentreffen aber seltener, sagt Klein.
Wirtschafts- und Verkehrsministerin Daniela Schmitt - Spitzenkandidatin der FDP - nutzt ihr Zimmer nach einer Fraktionssitzung schon mal, um ungestört zu telefonieren, bevor sie in ihr Ministerium zurückkehrt.
Das 27 Jahre alte Haus ist in die Jahre gekommen
Eine einst für die zu Ende gehende Wahlperiode geplante komplette Instandsetzung des 27 Jahre alten Gebäudes sei verschoben worden. Derzeit würden zum baulichen Zustand Daten erhoben und ausgewertet, heißt es beim Landtag.
Vor allem die Klimaanlage ist in die Jahre gekommen und die Räume sind im Sommer extrem heiß. Bei bestimmten Wetterlagen automatisch nach oben fahrende Rollläden sorgen für manch unerwarteten Einblick, etwa aus dem gegenüberliegenden Finanzministerium - oder direkt von der Straße im Erdgeschoss. Der deshalb nachgerüstete Lamellen-Sichtschutz biete aber genügend Privatsphäre, findet Klein.
Die Küche ist ideal für «One-Pot-Gerichte»
Die meisten Abgeordneten kochten selten auf der einen Herdplatte, berichten Horstmann und Klein. «Ich habe einmal gekocht», sagt Klein. «Die Notfallsuppe steht aber im Schrank.» Der scheidende Grünen-Abgeordnete Bernhard Braun berichtet: «Die Kochplatte habe ich in 25 Jahren nicht einmal benutzt. Den Kühlschrank permanent.» SPD-Partei- und Fraktionschefin Sabine Bätzing-Lichtenthäler soll auf der Kochplatte aber schon das ein oder andere «One-Pot»-Gericht zubereitet haben, heißt es.
Wefelscheid wird die «wirklich schönen Abende nicht vergessen, die ich mit Kolleginnen und Kollegen nach dem Plenum in einer lauen Sommernacht auf der Dachterrasse verbracht habe», wie er sagt. Die gibt es seit 2022 und ist dem Landtag zufolge etwa 35 Quadratmeter groß. «Im Vergleich zu anderen Landesparlamenten glaube ich, dass diese Möglichkeit der Zusammenkünfte Rheinland-Pfalz so stark machen.»
Von Ira Schaible (Text) und Michael Brandt (Fotos), dpa
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