Der richtige Ton – Wolfgang Niedecken wird zum Bronzekopf
Zwei Künstler locken den Kölner Musiker mit einem Projekt in die Pfalz. Kurz vor dem 75. Geburtstag des BAP-Chefs entsteht dort ein besonderes Werk.
Zwei Künstler locken den Kölner Musiker mit einem Projekt in die Pfalz. Kurz vor dem 75. Geburtstag des BAP-Chefs entsteht dort ein besonderes Werk.
Vierzehn Kilogramm deutsche Musikgeschichte stehen im Süden von Rheinland-Pfalz auf einem Sockel – als frisch gegossener Bronzekopf. Die schmale Nase, der wache Blick, Bart und Mähne: unverkennbar. Es ist das Antlitz von Wolfgang Niedecken, dem Frontmann der Kölner Band BAP («Verdamp lang her»). Am 30. März wird der Musiker 75 Jahre alt. Wie kommt das Kunstwerk dorthin?
Im kleinen Ort Tiefenthal stand der BAP-Chef jetzt dem Künstler Thomas Duttenhoefer stundenlang Modell. «Ich war verblüfft, mit welch sicherem Auge der mich porträtiert hat», sagt Niedecken, der selbst Kunstgeschichte und Freie Malerei studiert hat. Ein Kollege also. «Ich dachte: Phänomenal, was der Thomas Duttenhoefer da sieht.»
Rock'n'Roll und Rückenschmerzen
Der Pfälzer Galerist Wolfgang Thomeczek hatte ihn nach einem Auftritt in Zürich angesprochen – «mit überzeugender Leidenschaft», wie der Musiker schildert. Einige Monate später wird in Tiefenthal aus zwei Eimern hellem, kreidigem Ton ein Kunstwerk. Anstrengend sei die Arbeit im Glaskubus von Thomeczek gewesen, sagt Künstler Duttenhoefer.
«Man merkt es im Rücken. Der Toneimer steht unten, immer wieder bücken, nehmen. Aber das ist gut, der Körper ist in Bewegung.» Und wie wird ein Gesicht daraus? «Ich betaste den Kopf nicht», sagt der 76 Jahre alte Duttenhoefer mit Nachdruck. «Auf keinen Fall. Der große Auguste Rodin hat seine Modelle einst geschminkt, Linien gezogen, Geometrien sichtbar gemacht. Ich dagegen vertraue dem Blick. Dem kurzen Moment zwischen Beobachtung und Form. Ich bin kein Bildhauer, eher ein Bildner.»
Bleibt die Frage nach dem Warum. Sicher, Niedecken wird 75 und BAP 50. Was aber reizt Duttenhoefer und Thomeczek? «Ein Kopf muss mich inspirieren. Ich habe mehr als 200 Porträts gemacht. Jedes Mal eine neue Herausforderung», sagt Duttenhoefer, in Speyer geboren und in Darmstadt wohnhaft. Er zeigt im Glaskubus auf Skulpturen von Schauspieler Mario Adorf (95, «Der große Bellheim») und Regisseur Edgar Reitz (93, «Heimat»), die ebenfalls auf Initiative von Thomeczek entstanden sind – Menschen mit Bezug zu Rheinland-Pfalz.
Skulpturen mit Seele
Adorfs Löwengesicht spiegelt Geschichten, der Blick voll rauer Wärme. Neben ihm scheint Reitz wie ein stiller Chronist nach innen zu lauschen. Beides Hüter der Erzählkunst, einer kräftig, einer eher leise. Adorf ist in Mayen (Eifel) aufgewachsen, Reitz in Morbach (Hunsrück), und auch Niedecken hat eine rheinland-pfälzische Vergangenheit: Sein Vater stammte aus Unkel (Kreis Neuwied), als Kind ist der Musiker oft zu Onkel und Tante zurückgekehrt.
Viele Skulpturen seien heutzutage seelenlos, meint der 76 Jahre alte Galerist Thomeczek, einst Vorsitzender des Kunstvereins Zweibrücken. «Das wirkt wie abgescannt, ein Abklatsch. Thomas Duttenhoefer ist eine andere Liga.»
Das sieht auch Niedecken so. «Ich hatte nicht das kleinste Gefühl, dass das in die Hose geht.» Während der Arbeit drehte er, wie er sagt, «die langsamste Pirouette meines Lebens» – als lebender Minutenzeiger, der dem Bildhauer jede Perspektive liefert. Die Endversion hat er nach der Vollendung in einer Gießerei in Unterfranken noch nicht gesehen. «Aber ich hätte bereits die Rohversion abgenickt. Schon die war großartig.»
«Der Kunst ist der Ort egal»
Nicht mit allen Skulpturen kann der Musiker etwas anfangen, aber mit zweien viel. «Ich finde "Die Bürger von Calais" von Rodin ausgesprochen charismatisch. Das schaust du dir hundertmal an und entdeckst jedes Mal etwas Neues. Und das Konrad-Adenauer-Denkmal in Köln an der Kreuzung Aposteln- und Mittelstraße hat Charakter.» Gegossen wurden übrigens zwei Exemplare des Kopfes: eins erhält Wolfgang Niedecken, auch als Geste unter Künstlern.
Dass der Musiker überhaupt nach Tiefenthal gekommen ist, einen Ort mit knapp 1.000 Einwohnern, trotz Tournee, mit Ehefrau Tina und Hündin Numa, empfindet Thomeczek als kleines Wunder. Doch vielleicht ist es keines. «Der Kunst ist der Ort egal», sagt der Galerist aus Kobern-Gondorf. «Kunst kennt keine Provinz.»
So steht der Kopf nun da, dunkel und dauerhaft. Bronze gegen die Vergänglichkeit. Und doch haftet ihm etwas Flüchtiges an. Wie der Rest eines Moments. Vielleicht ist genau das die Kunst.
Von Wolfgang Jung (Text) und Uwe Anspach (Foto), dpa
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