Branchen ächzen bei teurem Sprit: «Die Lage ist ernst»
Volle Züge, leere Kassen? Während Pendler vom Nahverkehr profitieren, setzen die hohen Kraftstoffpreise vielen Branchen zu.
Volle Züge, leere Kassen? Während Pendler vom Nahverkehr profitieren, setzen die hohen Kraftstoffpreise vielen Branchen zu.
Steigende Spritpreise setzen Verkehrs- und Dienstleistungsbranchen auch in Rheinland-Pfalz unter Druck. Während einige Bereiche von der Entwicklung profitieren, warnen andere vor existenziellen Belastungen.
Fahrschulen an «Belastungsgrenze»
Der Fahrlehrerverband Rheinland sieht Fahrschulen stark betroffen. Kraftstoff sei ein zentraler Kostenfaktor im Ausbildungsbetrieb, erklärte der Vorsitzende Joachim Einig. Steigende Preise führten unmittelbar zu höheren Betriebskosten, die aufgrund langfristig kalkulierter Ausbildungspreise nur begrenzt weitergegeben werden könnten. «Das führt dazu, dass die wirtschaftliche Belastung zunächst bei den Betrieben und Fahrlehrern selbst ankommt», sagte Einig.
Doch auf Dauer ginge das nicht. «Wenn sich die Kostenentwicklung, insbesondere bei den Kraftstoffen, nicht zeitnah entspannt, wird es langfristig kaum vermeidbar sein, dass sich dies auch in den Preisen für Fahrstunden widerspiegelt», sagte der Verband.
Zugleich warnte der Verband vor zusätzlicher Verunsicherung durch die Ankündigung eines möglicherweise günstigeren Führerscheins. Dies führe dazu, dass Fahrschüler ihre Ausbildung teilweise verschöben oder weniger Fahrstunden nähmen, sagte Einig. In der Folge entstünden sowohl Kosten- als auch Nachfragerisiken, die viele Betriebe an ihre «Belastungsgrenze» brächten.
Volle Busse und Bahnen
Im Verkehrsverbund Rhein-Mosel (VRM) hingegen führt die Preisentwicklung nach Angaben von Geschäftsführer Stephan Pauly zu einem deutlichen Nachfrageschub im öffentlichen Nahverkehr. Besonders im Schienenpersonennahverkehr seien «proppenvoll» besetzte Züge auch zu Randzeiten zu beobachten. Auch im Busverkehr steige die Nachfrage spürbar.
Der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) bleibe für Kunden preislich stabil und sei damit aus Fahrgastsicht ein «Krisengewinner», betonte Pauly. Der Verband sehe, dass derzeit mehr Menschen das Deutschland-Ticket kaufen. sagte Pauly. Allerdings sei mittelfristig eine stärkere Berücksichtigung gestiegener Energiepreise bei der Preissetzung des Deutschland-Tickets zu erwarten.
Es werde aktuell geprüft, inwieweit kurzfristig Erleichterungen realisiert werden könnten. «Mittelfristig muss die Wende bei den Antrieben der Fahrzeuge von fossilen Brennstoffen hin zu alternativen Systemen wie Elektro-Bussen weiter engagiert vorangetrieben werden», sagte Pauly.
Bauern gegen Dieselsteuer
Auch aus der Landwirtschaft wurden bereits Sorgen und Forderungen angesichts der gestiegenen Kraftstoffpreise laut. So hatte Andreas Köhr vom Bauern- und Winzerverband Rheinland-Pfalz Süd jüngst auf Anfrage gesagt: «Gerade in der Landwirtschaft wird viel Diesel gebraucht – da steigen im gleichen Zug die Kosten.» Besonders im Ackerbau ist der Anstieg der Dieselpreise aufgrund der anstehenden und auch bereits begonnenen Frühjahrsbestellung, die viele Arbeitsgänge auf dem Acker erfordert, den Angaben nach deutlich wahrnehmbar.
Dem stimmt auch Herbert Netter vom Bauern- und Winzerverband Rheinland-Nassau zu: «Die Energiepreise steigen. Damit wird die Bewirtschaftung der Flächen sehr viel teurer», sagte er. Zusammen mit den steigenden Düngerpreisen lautet Netters Schlussfolgerung: «Am Ende werden schließlich die Lebensmittelpreise steigen müssen.»
Beide Verbände fordern, die CO2-Besteuerung beim Diesel abzusenken oder auszusetzen. Davon würde ihrer Aussage nach nicht nur die Landwirtschaft profitieren, sondern alle Wirtschaftsbereiche, die vom Diesel abhängig sind.
Forderung nach angepassten Taxitarifen
Taxi- und Mietwagenbetriebe in Rheinland-Pfalz sehen sich laut Verband Mobilität und Logistik in einer angespannten Lage. Neben Personal- und Fahrzeugkosten verschärften steigende Treibstoffpreise die wirtschaftliche Situation erheblich. Viele Unternehmen seien in ihrer Existenz gefährdet. Besonders kritisch sei dies für systemrelevante Angebote wie Kranken- und Schülerfahrten sowie die Beförderung von Menschen mit Behinderungen.
Der Verband fordert eine schnelle Anpassung der Taxitarife sowie temporäre Zuschläge, um die Mehrkosten abzufedern.
Offener Brief an Merz
Dass Branchen über die Landesgrenzen hinweg eine Krise sehen, wird aus einem offenen Brief mehrerer Verbände an Bundeskanzler Friedrich Merz deutlich, der vor wenigen Tagen veröffentlicht wurde. «Die Lage ist ernst», heißt es darin. «Immer mehr Betriebe sehen sich gezwungen, aufzugeben oder Insolvenz anzumelden.»
Unterzeichnet wurde er von den Bundesverbänden Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL), Spedition und Logistik (DSLV), Paket- und Expresslogistik, Deutscher Omnibusunternehmen, Taxi und Mietwagen sowie dem Bundesverband Möbelspedition und Logistik (AMÖ).
Im Brief wird die Lage des Verkehrsgewerbes insgesamt als «dramatisch zugespitzt» beschrieben. Gefordert werden unter anderem niedrigere Energie- und Stromsteuern, die Abschaffung der CO2-Doppelbesteuerung sowie zeitlich befristete Preisdeckel oder direkte Entlastungszahlungen.
© dpa-infocom, dpa:260417-930-955973/1
Copyright 2026, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten