Nach den massiven Luftangriffen des US-Militärs wächst im Iran die Sorge vor einer Rückkehr zum offenen Krieg. Die USA bombardierten nach eigenen Angaben rund 90 militärische Ziele. Es war die zweite Nacht in Folge, in der es Angriffe gab. Die Revolutionsgarden, Irans einflussreiche Militärorganisation, reagierten erneut mit Raketenangriffen auf US-Stützpunkte in den beiden mit Washington verbündeten Golfstaaten Kuwait und Bahrain. Unterdessen endet mit der Bestattung des getöteten obersten Führers Ajatollah Ali Chamenei eine jahrzehntelange politische Ära in der Islamischen Republik.
Iranische Medien berichteten in der Nacht von Explosionen in mehreren Gebieten entlang der Küste des Landes. Auch zivile Infrastruktur wurde zerstört, wie Bilder von Staatsmedien zeigten. Mindestens 14 Menschen seien getötet und 78 weitere verletzt worden, teilte der Pressedienst der Regierung mit. Der Iran meldete Angriffe in insgesamt fünf Provinzen. Auf der wichtigen Bahnstrecke Teheran-Maschhad kam der Personenverkehr zum Erliegen.
Der Golfstaat Kuwait geriet im Zuge der iranischen Vergeltungsschläge in der zweiten Nacht in Folge unter Beschuss. Die Luftverteidigung wehre Raketen- und Drohnenangriffe ab, teilte die Armee mit. Auch in Bahrain heulten wie in der Nacht zuvor die Alarmsirenen. Beide Länder beherbergen US-Militärbasen, die nur wenige Hundert Kilometer vom Iran entfernt liegen.
Chamenei-Bestattung in Maschhad
Die militärische Konfrontation erfolgte inmitten der Trauerfeiern für Chamenei. Am Donnerstag sollte das frühere Staatsoberhaupt im Imam-Resa-Schrein seiner Heimatstadt Maschhad beerdigt werden. Am Mittwoch waren im benachbarten Irak, wo mehrheitlich Schiiten leben, nach offiziellen Angaben schätzungsweise drei Millionen Menschen zu Trauerfeiern zusammengekommen.
Chamenei war am 28. Februar durch einen israelischen Luftangriff auf seinen Amtssitz in Teheran getötet worden. Mehr als fünf Wochen führten die USA und Israel daraufhin Krieg gegen den Iran, bis Anfang April eine Waffenruhe vereinbart wurde. Es kam trotz der Waffenruhe und einem Rahmenabkommen zur Beendigung des Kriegs aber mehrfach zu gegenseitigen Angriffen.
Seine Anhänger verehren Chamenei als Märtyrer, der ihrer Ansicht nach im Widerstand gegen einen militärisch weit überlegenen Feind gefallen ist. Ein großer Teil der rund 86 Millionen Einwohner im Land dürfte der Staatstrauer jedoch gleichgültig oder ablehnend gegenüberstehen.
Spekulationen über Chamenei-Nachfolger und Sohn Modschtaba
Bereits vor der Bestattung wurde im Iran viel über den Verbleib von Chameneis Nachfolger und Sohn Modschtaba spekuliert. Er war Anfang März, eine Woche nach dem Tod seines Vaters, zum neuen Staatsoberhaupt ernannt worden. Öffentlich trat er seither jedoch nicht auf. Das löste Gerüchte über seinen Gesundheitszustand aus, von schweren Verletzungen ist die Rede.
Zwar werden regelmäßig Mitteilungen über die Internetauftritte von Chamenei junior veröffentlicht, Videoaufnahmen oder Audiobotschaften gibt es von ihm aber noch immer nicht. Seine Abwesenheit dürfte auch innerhalb der politischen und militärischen Staatsführung für Spannungen sorgen. Erste Konflikte zwischen den politischen Lagern wurden bereits öffentlich ausgetragen.
Trump droht mit noch heftigeren Angriffen
US-Präsident Donald Trump drohte dem Iran derweil mit noch heftigeren Angriffen. Die Attacken seien Vergeltungsmaßnahmen für vom Iran beschossene Schiffe, schrieb er auf der Plattform Truth Social. «Sollte sich so etwas wiederholen, wird es noch viel schlimmer kommen!» Auch Irans Revolutionsgarden drohten: Sollte das US-Militär seine Aggression wiederholen, werde man die eigenen «vernichtenden Reaktionen» auf weitere US-Stützpunkte in der Region ausweiten, hieß es in einer Erklärung.
Ein großer Streitpunkt zwischen den USA und dem Iran ist die Straße von Hormus. Die für den globalen Handel mit Öl, Gas und Dünger wichtige Meerenge hat sich in dem Konflikt für den Iran als stärkstes wirtschaftliches und militärisches Druckmittel entpuppt. Die Wiedereröffnung der Meerenge ist ein zentrales Element des Rahmenabkommens, auf das sich Washington und Teheran Mitte Juni verständigt hatten. Irans Militärführung besteht darauf, laut dem Abkommen allein verantwortlich für die Verwaltung der Meerenge zu sein. Der Schiffsverkehr läuft dort weiterhin nur eingeschränkt.
Straße von Hormus wichtiges Druckmittel für Iran
Das US-Institut für Kriegsstudien (ISW) schrieb in einer Lage-Analyse, der Iran sei bereit, sich auf einen umfassenden Konflikt mit den USA einzulassen, sollte dies zur Sicherung seiner Kontrolle über die Straße von Hormus nötig sein.
Nach Informationen des US-Nachrichtenportals «Axios» bereitet sich das Weiße Haus auf eine mögliche mehrtägige oder sogar mehrwöchige militärische Auseinandersetzung mit dem Iran in der Meerenge vor. Die Dauer und die Intensität der neuen Angriffe hingen von den nächsten Schritten Teherans ab, hieß es unter Berufung auf US-Regierungsbeamte.
Ob die USA die neuen Angriffe gewissermaßen duldeten, die Lage militärisch selbst eskalierten oder eine Einigung mit dem Iran erreichten - bei jeder Option gebe es Nachteile, sagte Richard Fontaine von der Denkfabrik Center for a New American Security der «New York Times». Am wahrscheinlichsten sei eine Fortsetzung «niedrigschwelligen Geplänkels» gefolgt von «hektischer Diplomatie der Vermittler, dem Entstehen einer neuen und brüchigen Waffenruhe und dann wahrscheinlich noch eine Angriffsrunde», sagte Fontaine.
Von Arne Bänsch, Johannes Sadek und Lars Nicolaysen, dpa
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