Schwerer Luftangriff auf Kiew mit Toten und Verletzten
Ein neues Schuljahr in der Ukraine, aber es beginnt mit Luftalarm, Raketen und Drohnen. Der von Russland begonnene Krieg wütet auch nach viereinhalb Jahren ungebremst.
Ein neues Schuljahr in der Ukraine, aber es beginnt mit Luftalarm, Raketen und Drohnen. Der von Russland begonnene Krieg wütet auch nach viereinhalb Jahren ungebremst.
Durch einen massiven russischen Luftangriff mit ballistischen Raketen und Drohnen sind in der Ukraine mindestens zwölf Menschen getötet und Dutzende verletzt worden. Das teilte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj auf der Plattform X mit. Am schwersten betroffen war die Hauptstadt Kiew.
Allein in einem Eisenbahndepot der Hauptstadt töteten die russischen Raketen sieben Menschen. Es gebe Brände und schwere Schäden, schrieb Bahnchef Olexander Perzowskyj auf Facebook. Dutzende Bahnmitarbeiter hätten sich in Schutzräumen in Sicherheit bringen können.
«Russland plant seine Angriffe immer so, dass sie im Leben der Menschen so viel Zerstörung wie möglich anrichten, und es hat Erfolg, wenn es an Kapazitäten zur Flugabwehr fehlt», erklärte Selenskyj. Die Ukraine sei dankbar für alle Hilfen zur Flugabwehr, die Lieferungen müssten aber in diesem Herbst aufgestockt werden.
EU sucht nach Abwehrmunition
Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas sagte bei einem informellen Verteidigungsministertreffen in Irland, man wisse, dass einige EU-Länder über Abfangraketen verfügten, deren Nutzungsdauer bald ablaufe. Es wäre deshalb gut, diese der Ukraine zu überlassen, die sie zum Schutz ihrer Bevölkerung einsetzen könne. Zudem spreche man auch Länder außerhalb der EU an und arbeite daran, gemeinsam mit der Ukraine europäische Abfangraketen zu entwickeln und herzustellen.
Welche EU-Länder Abfangraketen abgeben könnten, sagte Kallas nicht. Nach Angaben von Diplomaten sollen es vor allem um Griechenland und Spanien gehen.
Russisches Militär nennt Rüstungsbetriebe als Ziele
Unweit von Kiew in der Stadt Boryspil wurden vier Menschen bei dem jüngsten russischen Angriff getötet. Unter anderem wurde ein mehrstöckiges Wohnhaus getroffen. Der Gouverneur des Gebiets Kiew, Tymur Tkatschenko, warf den russischen Streitkräften vor, gezielt zivile Infrastruktur und Wohngebäude anzugreifen. Das russische Militär sprach von Angriffen auf Rüstungsbetriebe und Treibstoffdepots in und um Kiew.
Auch aus anderen Landesteilen gab es in der Nacht Berichte über russische Angriffe, darunter aus dem Raum Odessa am Schwarzen Meer. Die ukrainische Luftwaffe schrieb auf Telegram zudem von Angriffen auf Charkiw, Sumy und Saporischschja.
Der Flugabwehr gelang es nach diesen Angaben, fünf ballistische Raketen der Typen Iskander-M, KN-23 und S-400, zwei Marschflugkörper des Typs S8000 Banderol und fünf Marschflugkörper Kalibr abzuschießen. Seit einigen Tagen veröffentlicht die ukrainische Luftwaffe keine Zahlen mehr, wie viele russische Raketen insgesamt angreifen. Damit sind keine Rückschlüsse auf die Abwehrquote mehr möglich, der Munitionsmangel wird verschleiert. Von 218 Kampfdrohnen seien 187 unschädlich gemacht worden, hieß es.
Der massive Angriff traf Kiew an dem Tag, an dem in der Ukraine traditionell das neue Schuljahr beginnt - ebenso wie in Russland. Die Millionenmetropole Kiew ist in den vergangenen Wochen aufgrund ständigen Luftalarms kaum zur Ruhe gekommen. Russland setzt verstärkt auf Angriffe mit ballistischen Raketen, die besonders schnell fliegen und nur schwer abzufangen sind. Der Ukraine fehlt es nach eigenen Angaben an Raketen für ihre US-gebauten Abwehrsysteme vom Typ Patriot. Sie sind für die Verteidigung gegen die ballistischen Raketen besonders effektiv.
Brand in russischem Hafen Ust-Luga
Ukrainische Drohnenangriffe verursachten in der Nacht einen Brand im russischen Ostseehafen Ust-Luga bei St. Petersburg am Finnischen Meerbusen. Gebietsgouverneur Alexander Drosdenko sprach von Schäden an den Hafenanlagen. Ust-Luga ist für den Export von russischem Erdöl und Flüssigerdgas wichtig und ist mehrmals von der Ukraine attackiert worden.
Das russische Militär nahm für sich in Anspruch, in der Nacht mehr als 500 ukrainische Drohnen über vielen Landesteilen abgewehrt zu haben. Im russisch besetzten Gebiet Luhansk in der Ostukraine wurden nach Angaben der Besatzungsverwaltung vier Menschen durch einen Drohnenangriff von Kiewer Seite getötet.
Gipfel in Kirgistan: Spricht Putin mit Erdogan?
Der russische Präsident Wladimir Putin, der den Krieg befohlen hat, nahm in der kirgisischen Hauptstadt Bischkek an einem Gipfeltreffen der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO) teil. In der von China und Russland dominierten Ländergruppe kam der Ukraine-Krieg nur am Rande vor. Der indische Ministerpräsident Narendra Modi sagte Putin aber bei einem Treffen am Montag, der seit viereinhalb Jahren dauernde Krieg müsse enden.
Mit Spannung erwartet wurde ein mögliches Gespräch Putins mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan in Bischkek. Die Türkei bemüht sich um eine Beruhigung im Schwarzen Meer. Durch wechselseitige Angriffe haben Russland und die Ukraine den Schiffsverkehr fast zum Erliegen gebracht. Türkische Schiffe wurden in Mitleidenschaft gezogen. Die Ausfuhr von Getreide auf dem Seeweg stockt für Moskau wie für Kiew.
Für die Ukraine sind ihre Agrarexporte wirtschaftlich überragend wichtig, zudem braucht der Weltmarkt das Getreide der zwei großen Produzenten. Die Türkei würde gern wieder eine Vereinbarung schließen wie 2022/23, als die Ukraine trotz des russischen Angriffskrieges ihr Getreide mit Moskauer Zustimmung verschiffen konnte.
Von Friedemann Kohler, dpa
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