Der Aufforderung von Vivas, den Notstand auszurufen, war die Regierung nicht nachgekommen. Sánchez reiste aber nach der Anordnung des Militär-Einsatzes in die Exklave und kündigte dort weitere Maßnahmen an. So sollen am Grenzdamm zwischen den Küsten Marokkos und den Ceuta-Strand Tarajal Schwimmbojen installiert werden, um eine «physische Barriere» zu schaffen.
Zudem sollen Verfahren beschleunigt werden, um die Rückführung irregulär eingereister Migranten zu erleichtern. «Die Ausreise vieler Migranten findet bereits statt», sagte Sánchez. Er hob die gute Zusammenarbeit mit Marokko hervor.
Konservative Medien und Politiker beklagen eine «Invasion»
Die Ereignisse haben in Europa kurz nach der lang erstrittenen Asylreform heftige politische Debatten ausgelöst. Konservative Zeitungen wie «ABC» und «La Razón» sprachen von einer «Invasion». Oppositionsführer Alberto Nuñez Feijóo kritisierte Sánchez: Die Regierung dürfe «nicht wegsehen, denn wir befinden uns in einer Krise der nationalen Sicherheit».
Am Donnerstagabend demonstrierten zahlreiche Einwohner Ceutas gegen den Andrang und warfen der Zentralregierung vor, die Kontrolle verloren zu haben. Aus Sorge vor Plünderungen blieben zahlreiche Geschäfte geschlossen. RTVE zitierte Bewohner: «Wir hoffen, dass sie sie bald wegbringen», oder: «Viele Menschen trauen sich aus Angst nicht mehr aus ihren Häusern.»
In Europa schrillen die Alarmglocken
In anderen EU-Ländern werden Forderungen nach Konsequenzen laut. Italiens rechte Ministerpräsidentin Giorgia Meloni brachte den Ausschluss Spaniens aus dem Schengen-Raum ins Spiel und bekommt dafür Zuspruch der finnischen Innenministerin Mari Rantanen. In den EU-Regeln ist der Ausschluss eines Landes vom kontrollfreien Schengen-Raum gegen dessen Willen nicht vorgesehen.
Die Bilder aus Ceuta seien unzumutbar, heißt es von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Sie fordert ein hartes Vorgehen gegen Schmugglernetzwerke und schnelle Rückführungen. In Brüssel werde an Unterstützung für Spanien gearbeitet, auch durch die EU-Grenzschutzbehörde Frontex.
Warum der beispiellose Andrang, und warum jetzt?
Es gibt mehrere Erklärungsversuche für die Lage. Verwiesen wird auf Armut und fehlende Perspektiven für junge Marokkaner. Als ein möglicher Auslöser wird ein Beschluss des Obersten Gerichts in Madrid genannt, wonach die sofortige Zurückweisung von Migranten nur dann zulässig ist, wenn diese beim irregulären Grenzübertritt einen Zaun oder eine andere Sperre überwunden haben. Für Menschen, die über einen unbefestigten Abschnitt wie das Meer nach Spanien gelangen, sei eine Einzelfallprüfung nötig. Deshalb auch die Entscheidung Madrids, im Meer nun Bojen zu installieren.
Setzt Marokko Migranten als Druckmittel ein?
Die Zeitung «El País» und andere Beobachter betonen jedoch, dies erkläre die Krise nicht vollständig. Vielmehr duldeten die marokkanischen Behörden die Ausreisen nach Ceuta allem Anschein nach plötzlich. Dadurch entstehe erneut der Verdacht, Rabat könne Migration - wie bereits während der Ceuta-Krise 2021 - als politisches Druckmittel gegenüber Spanien einsetzen. Um dem Anspruch auf Ceuta und der anderen von Marokko umschlossenen Exklave Melilla Nachdruck zu verleihen oder aber aus Ärger wegen einer Algerien-Reise von Sánchez letzte Woche. Das Land liegt wegen des Westsahara-Konflikts mit Marokko im Clinch.
Aus Rabat gab es zunächst keine offizielle Reaktion. Die Botschafterin in Madrid, Karima Benyaich, betonte aber, ihr Land wolle die Rückkehr seiner Staatsangehörigen und setze auf eine «legale, geordnete und sichere Migration». Die Bilder aus Ceuta wecken Erinnerungen an Mai 2021, als innerhalb von 36 Stunden mehr als 8.000 Menschen in die Exklave gestürmt waren.
Von Emilio Rappold, dpa
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