Abgerutscht - Eine Wohnungslose erzählt
Maria verlor Job und Wohnung. Nun kämpft sie um einen Neuanfang. Warum ihre Geschichte für viele Frauen steht - und laut Expertin uns alle angeht.
Maria verlor Job und Wohnung. Nun kämpft sie um einen Neuanfang. Warum ihre Geschichte für viele Frauen steht - und laut Expertin uns alle angeht.
Maria kann selbst nicht glauben, dass es so weit gekommen ist. Früher, sagt sie, sei ihr Leben doch okay gewesen, sie habe immer Geld gehabt. Doch dann geriet sie an falsche Männer: Der eine war kriminell, der andere gewalttätig. Immer wieder zog sie um, versuchte sich und ihre Tochter über Wasser zu halten. Später verlor sie erst ihren Job im Restaurant, dann die Wohnung.
«Der Vermieter kam und sagte, ich müsste in zehn Minuten raus sein», erzählt die 38-Jährige. Damals lebte die Litauerin in einer Kleinstadt bei Mainz. Sie hatte die Miete nicht mehr zahlen können. Ihre Tochter war da schon nicht mehr bei ihr: Sie war zuvor vom Jugendamt in eine Einrichtung gebracht worden. «Die Trennung von ihr war das Schlimmste in meinem Leben.»
Maria kam zunächst unter bei verschiedenen Freundinnen, manchmal schlief sie auf der Treppe vor einem Frauenhaus. «Ich habe mich geschämt. Die Leute haben über mich geredet», erzählt sie und fängt an zu weinen. «Ich habe kein Geld, ich habe keine Wohnung, ich habe keine Freunde.»
Heute sitzt sie im «Café Haltepunkt» in Trier, einer Einrichtung für wohnungslose Frauen des Sozialdienstes katholischer Frauen (SKF) Trier. In der Moselstadt sucht sie Hilfe - und einen Neuanfang. Seit ein paar Tagen ist sie in der dazugehörigen Notunterkunft untergebracht. «Ich bin sehr zufrieden. Ich habe geduscht, geschlafen und meine Wäsche gewaschen.»
Zahl der wohnungslosen Frauen nimmt zu
Marias Geschichte sei ein Klassiker bei Frauen, sagt die Vorständin vom SKF, Regina Bergmann. Die Mutterschaft bringe emotionale und wirtschaftliche Abhängigkeit. Und mit Männern, die keine Verantwortung übernähmen, gerieten die Frauen in eine Abwärtsspirale. Meist hätten die Männer Mietverträge, «und sie setzen die Frauen einfach vor die Tür. Warum auch immer.»
Bergmann stellt fest, dass Wohnungslosigkeit bei Frauen deutlich zunimmt. Vor Corona hätten 200 Frauen das «Café Haltepunkt» im Jahr aufgesucht. «Heute sind wir bei 800.» Die Not-Übernachtungsplätze reichten schon länger nicht mehr. «Wir haben jetzt Container aufgestellt», sagt sie. «Aber auch damit kommen wir an unsere Grenzen.» Teilweise müsste man doppelt belegen.
«Das Thema geht und alle an», sagt Bergmann und nennt zwei Gründe. «Einerseits geht es um Menschenwürde: Ein Leben auf der Straße ist kein würdevolles Leben.» Hinzu komme, dass viele der Frauen psychisch krank seien und oft nicht angemessen therapiert würden. Es brauche dafür mehr Plätze, mehr Programm und mehr Geld.
Marias größter Traum: Wieder eine Wohnung
Mit der Zeit könnten Symptome stärker werden. «Damit schaukelt sich das hoch.» In den vergangenen Jahren sei es häufiger zu Übergriffen auf Mitarbeiterinnen beim SKF gekommen, weil die Frauen nicht richtig medizinisch versorgt seien. Das bedeute auch eine potenzielle Gefährdung der Öffentlichkeit. «Beide Seiten können Opfer von Gewalt und Aggressionen werden», sagte Bergmann.
Maria hat mit psychischen Erkrankungen kein Problem. «Ich bin da ganz normal», sagt sie. Auch wenn sie natürlich die letzte Zeit gelitten habe: wegen des Ex-Mannes, der ins Gefängnis gekommen sei, oder des späteren Partners, der sie mit einem Messer bedroht habe.
Jetzt sei sie auf Jobsuche. In einer neuen Stadt könne sie neu starten. «Ich habe schon zweimal meinen Lebenslauf abgegeben.» Ihr größter Traum sei es, eines Tages wieder eine Wohnung zu bekommen. Am besten natürlich mit ihrer Tochter.
Von Birgit Reichert, dpa
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