Rainer Neugebauer und Anneli Borgmann, Vorsitzende des Kuratoriums, schauen sich zusammen die Orgel an.
Matthias Bein/dpa
Rainer Neugebauer und Anneli Borgmann, Vorsitzende des Kuratoriums, schauen sich zusammen die Orgel an.
Musik extrem in Halberstadt

Langsamstes Konzert soll 2640 enden: Finale-Ticket gefällig?

Niemand erlebt den Anfang und das Ende dieses Konzerts: Es soll 639 Jahre dauern als langsamste Aufführung der Welt. Ein Vierteljahrhundert ist vorbei. Was ist da eigentlich los in Halberstadt?

Jahrhunderte haben hier Zisterzienserinnen gelebt. Für kurze Zeit in der DDR war sie Schweinestall, die Gülle-Rinnen zeugen davon. Wer heute in die Burchardi-Kirche in Halberstadt kommt, betritt einen Aufführungsort. Im Raum schwebt ein sanftes Wummern, einige ziehen Vergleiche zu einem Maschinenraum oder zum Hamburger Hafen. Manchmal sind Zuhörer da, niemals ein Organist. Das Orgelstück läuft seit fast 25 Jahren und steht doch ziemlich am Anfang.

Denn: Hier wird die Spielanweisung des amerikanischen Komponisten John Cage (1912-1992) für sein Orgel-Stück «ORGAN2/ASLSP» umgesetzt: so langsam wie möglich. Nach einem Vierteljahrhundert sind nun knapp vier Prozent der Aufführungsdauer von zusammen 639 Jahren erreicht.

Der 17. Klangwechsel in 25 Jahren

Jetzt (5. August) steht in der Burchardi-Kirche der 17. Klangwechsel an. Ein a' wird hinzugefügt, also die entsprechende Pfeife in die kleine Orgel gesteckt. Sie sorgt dann für einen Acht-Klang. «Es wird einen schönen Klangteppich geben», sagt Anneli Borgmann, die vor knapp einem Jahr die Leitung des Projekts übernommen hat und Kuratoriumsvorsitzende der John-Cage-Orgel-Stiftung Halberstadt ist. Der Klang werde voller, acht Orgelpfeifen sind dann im Einsatz. 

«Wir sind in bewegten Zeiten», sagt die 53-Jährige. Der nächste Klangwechsel steht im Oktober 2027 an, 2028 gibt es sogar zwei, ebenso im Jahr 2030. 

Für sie strahlt das Projekt vor allem Zuversicht aus, weil es über so viele Generationen weitergetragen werden soll. Mit langen Zeiträumen kenne sie sich aus. Sie sei schließlich Geoökologin, begleite junge Menschen im Freiwilligen Ökologischen Jahr. Im Cage-Projekt ist sie ehrenamtlich dabei - wie alle anderen Enthusiasten um sie herum. 

0,2 Sekunden der Uraufführung entsprechen nun einem Monat

Ihr Vorgänger Rainer O. Neugebauer war über gut zwei Jahrzehnte der künstlerische Leiter des Projekts und beteiligt an den Umrechnungen von Cages Partitur. 

Die Uraufführung dauerte 1987 in Metz nicht einmal eine halbe Stunde. Für die Aufführung in Halberstadt sollten daraus 639 Jahre Aufführungsdauer werden, denn vom Jahr 2000 aus gerechnet war die berühmte Blockwerkorgel von Nicolaus Faber im Halberstädter Dom genau so viele Jahre fertiggestellt. 0,2 Sekunden der Uraufführung entsprechen nun einem Monat.

Verrechnet! Der erste Klangwechsel kam elf Monate zu früh

Beginn war im Jahr 2001. Damals wurde der elektrisch angetriebene Blasebalg angeworfen und es ging los mit einer Pause. Für knapp eineinhalb Jahre waren der Blasebalg und der Wind zu hören. 

Im Februar 2003 dann kamen die Pfeifentöne gis' - h' - gis'' hinzu. Dass das elf Monate zu früh geschah, merkte Neugebauer bei einer Neuberechnung 2004. «Das haben wir in den sieben Jahren Pause wieder ausgeglichen.» Der 72-Jährige sagt: «Es ist eine ernsthafte Aufführung, auch wenn sie so extrem ist.» Anfangs habe es viele Widerstände gegeben, interne Querelen auch bei den Organisatoren, auch finanzielle Sorgen.

Jetzt sei er «tausendfroh» über Anneli Borgmann. Bei ihr komme vieles zusammen, sagt Neugebauer: Organisations- und Kommunikationstalent, das Wissen über Cage. Als er im vergangenen Jahr an sie übergab, sei zum ersten Mal für ein bis zwei Jahre im Voraus Geld für das Projekt dagewesen. 

Es wird komplett von Ehrenamtlichen am Laufen gehalten. Sie sind auf Spenden und Stiftungen angewiesen. Das sei vielen nicht bewusst, sagt Borgmann. «Das Projekt ist mittlerweile so bekannt, dass es von außen als professionelle Kultureinrichtung gesehen wird.»

Mehr als der Klang in der Kirche

Die zur Stiftung gehörende «cage academy» veranstaltet in den Tagen um den Klangwechsel einen Meisterkurs für die Interpretation zeitgenössischer Vokalmusik mit Studierenden und Profis. In diesem Jahr sind Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Ungarn, der Schweiz, Polen, Belgien und Deutschland dabei. Es gibt Aufführungen, Konzerte und eine Ausstellung. 

Um das Orgelprojekt und weitere Aktivitäten in die Zukunft zu tragen, braucht es Kreativität. An den Wänden der unsanierten Burchardi-Kirche hängen individuell gestaltete Fördertafeln - eine für jedes Jahr bis zum Ende der Aufführung. Jede brachte Sponsorengeld in die Kasse. Künstler stellen Werke zur Verfügung, deren Erlös zum Teil ebenfalls in das Projekt fließt. Es gibt vielfache Unterstützung, sagt Anneli Borgmann. 

Ziel sei aber, dass die Stiftung Kapital anhäuft, damit weitere Generationen davon zehren können. Mit weißen Handschuhen zeigt sie das jüngste Vorhaben: eines der Final Tickets. Es ist eine vererbbare Eintrittskarte zur Abschlussveranstaltung am 4. September 2640. Dann verklingt das Konzert. 2.640 Tickets für je 2.640 Euro sollen verkauft werden. Wie viele schon weg sind, verrät Anneli Borgmann nicht. Sie sagt aber soviel: «Es ist erfreulich angelaufen, es ist eine Erfolgsgeschichte für uns.»

Von Dörthe Hein, dpa
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