Julian Barnes - heiter mit dem Tod vor Augen
Diesen Montag wird Julian Barnes 80 und bringt sein letztes Buch heraus. Der krebskranke Autor verabschiedet sich darin von seinen Lesern - sehr direkt, sehr souverän und sehr witzig.
Diesen Montag wird Julian Barnes 80 und bringt sein letztes Buch heraus. Der krebskranke Autor verabschiedet sich darin von seinen Lesern - sehr direkt, sehr souverän und sehr witzig.
Julian Barnes wird heute 80 Jahre alt und veröffentlicht zu diesem Anlass sein letztes Buch. Titel: «Abschied(e)». Warum das letzte? Barnes - einer der bedeutendsten britischen Schriftsteller seiner Generation - hat Krebs. Das bedeutet nicht, dass er unmittelbar vor dem Ende steht. Seine Ärzte haben die Krankheit als «nicht heilbar, aber beherrschbar» eingestuft. Er lebt schon seit Jahren damit.
Und noch immer macht er Pläne, so will er am 7. März in Köln zusammen mit Ex-Vize-Kanzler Robert Habeck das Literaturfestival Lit.Cologne eröffnen. Dort ist er seit vielen Jahren Stammgast. Gleichzeitig lässt sich aber nicht daran rütteln: Das Ende ist in Sicht.
Hat sich je ein Schriftsteller so von seinen Lesern verabschiedet?
Für Barnes' zahlreiche Fans, gerade auch in Deutschland, Fans von Klassikern wie «Flauberts Papagei» und «Eine Geschichte der Welt in 10 1/2 Kapiteln», ist das erst einmal eine traurige Nachricht. Traurig war auch seine deutsche Übersetzerin Gertrude Krueger, wie sie in einem Interview mit dem Norddeutschen Rundfunk schildert.
Nach längerem Überlegen habe sie dann aber auch so etwas wie Bewunderung empfunden: «Ich finde, das braucht unheimlich viel Mut, vor sich selbst zu sagen: Das ist mein letztes Buch. Und mit dieser Erkenntnis auch an die Öffentlichkeit zu gehen und sich von seiner Leserschaft zu verabschieden. Mir fällt kein anderes Beispiel ein von einem Schriftsteller, der diesen Schritt getan hat.»
Die sehr direkte Art und Weise, in der Barnes seinen Leserinnen und Lesern in seinem jetzt erschienenen letzten Buch Lebewohl sagt, dürfte in der Tat nahezu beispiellos sein. «Ich werde "Sie" vermissen», schreibt er ganz schlicht, um dann nachzuschieben: «Was immer das heißt. Jedes Wort in diesem Satz wird vom Tod entkräftet und untergraben.» Wenn man nicht mehr existiert, kann man nichts mehr vermissen.
Dann blitzt sein typisch englischer Humor auf: Leider könne er nicht mit großen letzten Worten dienen, halte keine Lebensweisheit bereit. «Obwohl ich vor kurzem auf ein gutes Beispiel gestoßen bin: die dringliche Sterbebotschaft von Lord Grimthorpe an seine Frau: "Uns geht die Marmelade aus."»
Barnes saß all die Jahre mit seinem Leser in einem Straßencafé
Stattdessen dankt Barnes den Lesern dafür, dass sie ihm all die Jahre die Treue gehalten haben - «unsichtbar und doch im Hintergrund wirkend, wie mein Krebs». Anschließend stellt er sich die Frage, was die Beziehung zwischen ihm, dem Autor, und seinen Leserinnen und Lesern noch gekennzeichnet hat. Auf jeden Fall habe er nie ein didaktischer Schriftsteller sein wollen. «Ich sage Ihnen nicht, was Sie denken und wie Sie leben sollen.»
Nein, er selbst hat sich ihre Beziehung immer ganz anders vorgestellt. Und zwar so: An einem sonnigen, warmen Tag sitzt er, der Schriftsteller, mit dem Leser oder der Leserin in einem Straßencafé zusammen. Vor sich auf dem Tisch haben sie ein kühles Getränk. Beide beobachten die an ihnen vorbeigehenden Passanten. Ab und zu lässt sich Barnes eine Bemerkung einfallen. «Was halten Sie von dem Paar da - verheiratet, oder haben sie eine Affäre?», murmelt er. Oder: «Ein altes Paar, das Händchen hält - das geht mir immer nahe.» Oder: «Wo will dieser Priester denn so eilig hin?»
Ein ganz gewöhnliches Geplauder. Aber der eine oder andere Gesprächsfetzen wächst sich unter Umständen zu einer Geschichte aus. Wie ist dabei die Rolle des Lesers? Barnes widersteht der Versuchung zu Schmeicheleien: «Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass Sie so aufmerksam dabei sind wie ich. Aber ich kann Ihre Antwort nur selten verstehen - Sie sitzen leider auf meiner tauben Seite.» Der Austausch geht zwangsläufig vor allem vom Schriftsteller in Richtung Leser.
Der letzte Moment: Barnes steht auf und geht
Dann ist irgendwann die Zeit um. «Ich hoffe, unsere Beziehung hat Ihnen über die Jahre hinweg Freude gemacht. Mir auf jeden Fall. Es war mir ein Vergnügen, dass Sie da waren - ja, ich wäre nichts ohne Sie.» An dieser Stelle darf man sich vorstellen, dass Barnes von seinem Platz im Straßencafé aufsteht. Er legt einmal kurz seine Hand auf den Arm des Lesers, wie er schreibt. Aber dabei sagt er: «Nein, schauen Sie weiter.» Dann stiehlt er sich davon.
Gibt es einen souveräneren Abgang?
Von Christoph Driessen, dpa
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