Vom Schultheater nach Hollywood: Salimou Thiam startet durch
Salimou Thiam ergattert mit einem nur zwölfsekündigen Castingvideo eine Rolle bei «Die Tribute von Panem». Wie sein Weg von Bielefeld nach Hollywood führte.
Salimou Thiam ergattert mit einem nur zwölfsekündigen Castingvideo eine Rolle bei «Die Tribute von Panem». Wie sein Weg von Bielefeld nach Hollywood führte.
Aufgeschlossen und selbstbewusst begrüßt Salimou Thiam selbst das Kind des Fotografen freundlich per Handschlag. Hoch über Bielefeld, auf der Touristenattraktion Sparrenburg, spricht der 19-jährige Schauspieler über seine außergewöhnliche Blitzkarriere: von den Anfängen im Schultheater bis zu seinem ersten Kinofilm - direkt in einer weltbekannten Hollywood-Filmreihe.
«Meine Mama hat immer gesagt, ich bin ein Entertainer», erzählt Thiam beim Interview mit einem Lächeln. «Ob bei Hochzeiten oder Geburtstagen, ich habe die Erwachsenen unterhalten, mir irgendwelche Geschichten ausgedacht, herumgetanzt und wollte eigentlich immer auf eine Bühne.»
Den letzten Ausschlag gibt dann ein Musical-Besuch in Hamburg. Die Rolle des jungen Simba im «König der Löwen» habe ihn sofort gepackt. Danach meldet sich der damals Achtjährige in der Theater-AG seiner christlichen Privatschule an und bekommt dort wenig später seine erste Hauptrolle.
Der Sohn einer Kunst- und Musiklehrerin merkt schnell, wie viel Kreativität in ihm steckt: Er schreibt Gedichte, singt, interessiert sich für Fotografie und beginnt mit dem Modeln. Seine Kinderagentur beschließt, den aufgeweckten Jungen zusätzlich in eine Schauspielerkartei aufzunehmen. Nach vielen Absagen und kleineren Rollen in Krimis wie «Ein Fall für Zwei» kommt im vergangenen Jahr das erste Großprojekt.
Darum ist Thiam vor allem bei Kindern bekannt
Der Bielefelder spielt im Teenie-Ableger des RTL-Dauerbrenners «Gute Zeiten, schlechte Zeiten» den BMX-Fahrer und Rapper Ben. In «Uferpark» übernimmt eine Gruppe von Jugendlichen einen verlassenen Skatepark in Berlin. Die 26 Folgen laufen beim Streamingdienst RTL+ und beim Kindersender Toggo. Plötzlich wird Thiam auf der Straße erkannt - vor allem von Kindern.
«In der Situation ist man immer erst mal überfordert, insbesondere, wenn man gerade am Anfang seiner Karriere steht und nicht wirklich weiß, weswegen man gerade erkannt oder angesprochen wird. Aber natürlich ist es auch ein tolles Gefühl, zu wissen - es scheint loszugehen. Ich bekomme in einer gewissen Art und Weise Anerkennung für das, was ich tue.»
Ein Anruf, der alles verändert
Und dann kommt der 18. Mai 2025: Der 19-Jährige will gerade bei einer Freundin in Berlin ein Castingvideo für einen Werbespot drehen - da bekommt er einen Anruf seines Agenten. «Er fragte, ob ich seine Mail gelesen hätte», erinnert sich Thiam. Es gehe um ein Casting für «The Hunger Games». «Was? Ich konnte es gar nicht fassen.»
«The Hunger Games», im Deutschen «Die Tribute von Panem», ist eine dystopische Trilogie der US-Schriftstellerin Suzanne Collins, die ab 2012 auch verfilmt wurde und Jennifer Lawrence zum Weltstar machte. Jugendliche aus zwölf Distrikten müssen dabei jährlich bei sogenannten Hungerspielen in einer Arena ums Überleben kämpfen. Es geht im Prinzip um die Rebellion gegen ein Regime, das die Menschen unterdrückt - eine Parabel auch auf heutige Gesellschaften.
Mittlerweile hat Collins zwei weitere Romane geschrieben, die zeitlich vor den damaligen Ereignissen spielen. Der zweite, «Sunrise on the Reaping», wird aktuell unter anderem in Spanien verfilmt.
In zwölf Sekunden nach Hollywood
«Ich habe dann die Mail gelesen und erfahren, dass ich nur noch 20 Minuten bis zur Deadline habe, ein Castingvideo aufzunehmen», erzählt Thiam aufgeregt. «Ich habe mich dann schnell umgezogen, mir den Text zweimal durchgelesen, das Video aufgenommen und in all der Hektik über die Hälfte der Aufnahme weggeschnitten. Am Ende hab’ ich nur zwölf Sekunden verschickt.»
Aber US-Regisseur Francis Lawrence lädt den Bielefelder trotz der Panne in die nächste Runde des Castings ein, in der er ebenfalls überzeugt und die Rolle ergattert. Die Nachricht erreicht ihn nach einem Mittagsschlaf. Doch die Freude darüber muss Thiam erstmal weitgehend für sich behalten, bis Wochen später der Cast für den Film offiziell verkündet wird.
«Als ich die Rolle bekam, haben wir gerade in der Schule zufällig "The Hunger Games" als Buch gelesen und auch die Filme im Unterricht geguckt. Ich musste natürlich die ganze Zeit schmunzeln.» Die anschließende Prüfung habe er wegen eines anderen Drehs verpasst. «Ich habe in der Klausur über "The Hunger Games" zwar null Punkte bekommen, aber ich bin dabei.»
Das ist Thiams Rolle in «Die Tribute von Panem»
Allzu viel über die Dreharbeiten in Nordspanien darf der 19-Jährige aktuell nicht verraten, sonst drohen Vertragsstrafen. Er spielt den introvertierten Clayton aus dem neunten Distrikt, der in der Buchvorlage an den 50. Hunger Games teilnimmt. Es dürfte actionreich und blutig werden - im November 2026 soll der Streifen mit Stars wie Ralph Fiennes, Glenn Close und Jesse Plemons in die Kinos kommen. «Erst dann kann ich das vermutlich richtig realisieren. Bis dahin bleibt das alles ein Tagtraum.»
Der erste Auftritt in einem Kinofilm, und dann gleich eine (wenn auch kleine) Sprechrolle in einem Hollywood-Blockbuster - das kann man getrost als Blitzkarriere bezeichnen. «Es ist in jedem Fall eine Bereicherung, Abläufe und Vorgehen bei internationalen Großproduktionen kennenzulernen und hier seine Erfahrungen zu sammeln», sagt Jacqueline Rietz. Die Casting-Direktorin hatte Thiam für die deutschen «Tribute von Panem»-Castings eingeladen.
Rietz nennt den Teenager mit markanten Gesichtszügen einen «jungen, spannenden Schauspieler». Wie groß die Sichtbarkeit in dem Hollywood-Film ist, könne man erst feststellen, wenn er fertig geschnitten sei. «Welches spielerische Talent in ihm steckt, kann er in nationalen Projekten wahrscheinlich umfassender zeigen und auch diese Rollen können dann Türöffner für eine internationale Karriere werden.»
Bielefeld oder Berlin? - Hauptsache Hollywood
So oder so - der Nachwuchs-Star hat noch große Ziele. «Ich bin unglaublich ehrgeizig und will noch einen drauflegen. Ich bin jetzt erstmal stolz, dass ich das geschafft und dankbar, dass ich diese Chance bekommen habe.» Aktuell steht Thiam für eine Folge der RTL+-Krimireihe «Behringer und die Toten» in Bayern vor der Kamera - weitere Projekte seien schon auf dem Weg.
Im Oktober geht dann der «Tribute von Panem»-Dreh in Berlin weiter, nur wenige Zugstunden von der ostwestfälischen Kino-Provinz entfernt. Ohnehin ist der Halb-Amerikaner mittlerweile häufiger in der Hauptstadt als zu Hause bei Mama. Ein Umzug könnte demnächst anstehen.
Doch trotz großer Ambitionen spielt auch Bielefeld nach wie vor eine Rolle. In den kommenden Wochen dreht Thiam hier einen Kurzfilm mit Schauspielerinnen und Schauspielern vom örtlichen Stadttheater. Die historische Festungsanlage Sparrenburg mit Blick auf den Teutoburger Wald würde sich auf jeden Fall als Motiv anbieten. Für einen Kurzfilm, aber auch einen Hollywood-Blockbuster wie «The Hunger Games».
Von Thomas Bremser, dpa
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