Bei einem offiziellen Termin des länderübergreifenden Projekts wurden mehrere Zehntausend Maifischlarven in die Freiheit entlassen.
Hannes P. Albert/dpa
Bei einem offiziellen Termin des länderübergreifenden Projekts wurden mehrere Zehntausend Maifischlarven in die Freiheit entlassen.
Naturschutz

Maifischlarven starten ihre große Reise im Rhein

Der Maifisch war aus Westeuropa nahezu verschwunden. Seit einigen Jahren kehrt die Art langsam in den Rhein zurück - unterstützt vom Menschen. Welche Rolle dabei gezüchtete Larven spielen.

Sie sind nur rund einen Zentimeter groß, transparent und haben eine lange Reise vor sich: Etwa 700.000 Larven des Maifischs sind diese Woche im Rhein bei Wiesbaden ausgesetzt worden, um die Wiederansiedlung der Art zu unterstützen. Bei einem offiziellen Termin des länderübergreifenden Projekts entließ Hessens Landwirtschaftsminister Ingmar Jung (CDU) unterstützt von Amtskolleginnen und Schulkindern mehrere Zehntausend Maifischlarven in die Freiheit.

Mit von der Partie waren Nordrhein-Westfalens Landwirtschaftsministerin Silke Gorißen (CDU), die rheinland-pfälzische Umweltministerin Christine Schneider (CDU) und Ministerialdirektorin Isabel Kling aus Baden-Württemberg. Der Maifischbesatz findet traditionell abwechselnd in den Ländern statt. «Mit dem Projekt machen wir auch Natur- und Umweltschutz für Schülerinnen und Schüler greifbar», erklärte Jung.

Warum werden die Larven in den Rhein ausgesetzt?

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war der Maifisch in Europa weit verbreitet und wichtiger Wirtschaftsfaktor der Binnenfischerei. Durch Überfischung, Wasserverschmutzung und den Bau von Wanderhindernissen brachen die Bestände seit Beginn des 20. Jahrhunderts drastisch ein. Neben einigen kleineren Populationen in Portugal gab es die letzten bedeutenden Vorkommen etwa in den Flüssen an der Westküste Frankreichs.

Auch im Rhein mit seinen Zuflüssen war der Maifisch früher zahlreich vertreten. In den Niederlanden wurden Expertenangaben zufolge 1881 noch etwa 250.000 Maifische beim Laichaufstieg gefangen. 1931 seien nur noch 13 Tiere gezählt worden, heißt es beim Maifischprojekt. Trotz vereinzelter Sichtungen galt die Art seit den 1960er Jahren im Rheinsystem als ausgestorben. Mit dem Aussetzen der Larven soll wieder eine stabile Population aufgebaut werden. 

Was ist das eigentlich für ein Fisch und wie lebt er?

Der Maifisch (Alosa alosa) stammt aus der Familie der Heringe. Ausgewachsene Tiere werden laut Expertenangaben zwischen knapp 40 und mehr als 70 Zentimetern groß. Maifische können bis rund vier Kilogramm schwer werden.

Der Maifisch verbringt den größten Teil seines Lebens im Meer. Ab einem Alter von drei bis fünf Jahren werden die Fische geschlechtsreif und steigen im Frühjahr zum Laichen in die Mittel- und Oberläufe größerer Flüsse auf. Anschließend sterben die Tiere in der Regel.

Die Larven schlüpfen meist 4 bis 5 Tage nach der Befruchtung mit einer Größe von 7 bis 12 Millimetern. Noch im Herbst des gleichen Jahres wandern die knapp 15 Zentimeter großen Jungfische in die Mündungsgebiete ab, wo sie sich mehrere Wochen im Brackwasser an den erhöhten Salzgehalt anpassen. Im Winter ziehen sie dann weiter ins Meer und der Lebenszyklus beginnt von Neuem.

Seit wann gibt es das Maifischprojekt und wer beteiligt sich?

Das Projekt wurde im Jahr 2007 gestartet und seitdem in mehreren Phasen umgesetzt. Neben dem Land Hessen beteiligen sich unter anderem Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz sowie mehrere Verbände. Das Gesamtbudget der derzeitigen Projektphase beträgt rund 930.000 Euro.

Wie hat die Wiederansiedlung bislang funktioniert?

Inzwischen seien insgesamt rund 21 Millionen Maifischlarven ausgesetzt worden, sagte der Projektleiter des Maifischprojekts, Andreas Scharbert vom Rheinischen Fischereiverband. Die Larven stammten aus einer französischen Zucht, wobei wilde Elterntiere aus dem Gironde-Garonne-Dordogne-System genutzt werden. «Es funktioniert», sagte Scharbert. Es seien bereits zahlreiche Rückkehrer festgestellt worden, die sich auch wieder natürlich im Rhein vermehrt hätten.

Im Juli 2013 - fünf Jahre nach dem ersten Aussetzen - wurde erstmals seit 60 Jahren ein in die Mosel aufsteigender Maifisch am elektronischen Fischzähler des Mosellums im rheinland-pfälzischen Koblenz registriert. Ebenfalls 2013 wurden drei Jungfische in Baden-Württemberg und ein erwachsenes Tier im rheinland-pfälzischen Wörth gefangen.

Seither gab es zahlreiche weitere Nachweise - nicht nur im Rhein, sondern auch in der Lippe, Mosel, im Main und im Neckar sowie im niederländischen Ijsselmeer.

Wie geht es weiter?

Die Etablierung einer sich ausschließlich eigenständig erhaltenden Maifischpopulation im Rheinsystem sei jedoch noch nicht erreicht, teilte das hessische Landwirtschaftsministerium mit. Damit dies gelingt, müssten die einzelnen Projektmaßnahmen mittelfristig fortgeführt werden.

Was sagen Experten des Naturschutzbundes zu der Aktion?

«Grundsätzlich ist es sinnvoll, vom Menschen verdrängte heimische Arten wieder anzusiedeln, wenn das – wie beim Maifischprojekt – fachlich versiert, langfristig angelegt und mit einer guten Begleitforschung unterstützt wird», erklärte Berthold Langenhorst vom Naturschutzbund (Nabu) Hessen. Die Fischfauna im Rhein habe sich in den letzten Jahrzehnten durch die Verbesserung der Wasserqualität erholt. 

Im Rhein kommen derzeit nach den Worten des Experten 71 Fischarten vor, auch Wanderfische wie Lachs und Flussneunauge sind zurückgekehrt. Bis auf den Stör seien alle historisch belegten Fischarten wieder nachgewiesen worden. «Beim Maifisch bislang allerdings nur in Einzelexemplaren», sagte Langenhorst.

Von Andrea Löbbecke (Wort) und Hannes Albert (Bild), dpa
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