Die Comeback-Könige der Liga: Füllkrug treibt Werder an
Dreimal nacheinander ein 0:2 aufzuholen: Das hat in der Geschichte der Bundesliga noch kein anderes Team geschafft. Werder Bremen steht wieder für Spektakel - und lebt vor allem von einem Mann.
Dreimal nacheinander ein 0:2 aufzuholen: Das hat in der Geschichte der Bundesliga noch kein anderes Team geschafft. Werder Bremen steht wieder für Spektakel - und lebt vor allem von einem Mann.
Daniel Thioune war kaum zu bremsen. Eine wahre Lobeshymne stimmte der Trainer von Werder Bremen nach dem 2:2 (0:2) gegen den SC Paderborn auf seinen Torjäger Niclas Füllkrug ein. Denn sechs Füllkrug-Tore in den vergangenen fünf Spielen: So eine Quote könne man vielleicht bei Bayern München erwarten, wo man von lauter Weltklasse-Fußballern gefüttert wird. Aber bei Werder? Dem Club mit dem viertschlechtesten Tabellenplatz und dem zweitschlechtesten Angriff der vergangenen Saison?
«Niclas macht das überragend seit Wochen», sagte Thioune - und meinte damit nicht bloß die reine Anzahl der geschossenen Tore. «Wenn er die Jungs anschiebt. Wenn er vorweggeht. In keiner Trainingseinheit ist er sich zu schade, danach noch mehr zu machen und mehr zu wollen.» Füllkrugs Einfluss auf dieses Team sei «mega beeindruckend», meinte der Trainer. Und denjenigen hätte er «gern getroffen oder gesehen» (Thioune), der diese Entwicklung schon vor der Saison vorausgesehen hat.
Keine Frage: Es ist in diesen Wochen wieder ein Erlebnis, ins Weserstadion zu gehen. Mit dem 2:2 gegen den tapferen Aufsteiger war zwar niemand zufrieden. Aber Werder holte durch zwei weitere Füllkrug-Tore (59./66./Handelfmeter) immerhin im dritten Spiel nacheinander einen 0:2-Rückstand auf: Das hatte vorher in der mehr als 63-jährigen Geschichte der Fußball-Bundesliga noch kein anderes Team geschafft.
Der Füllkrug-Faktor
Wer nach Gründen sucht, wie aus einer der anfälligsten und kraftlosesten Mannschaften der vergangenen Saison die Comeback-Könige der Liga wurden, kommt an dem Faktor Füllkrug nicht vorbei. Werder mit Füllkrug und Werder ohne ihn: Das ist ein großer Unterschied, wie wirklich jeder bestätigt, der mit dem 33-Jährigen zusammen in der Kabine sitzt.
«Was er hier entfacht hat, ist aktuell nicht in Worte zu fassen», sagte Abwehrspieler Amos Pieper. Auch er spricht von «ganz viel Positivität, Energie und Professionalität», die Füllkrug den anderen Spielern ständig vorlebe.
Es gibt nur einen, der immer weniger Lust hat, über Füllkrug zu sprechen: Das ist der 33-Jährige selbst. Das Thema Nationalmannschafts-Rückkehr nervt ihn («Und wenn ich jetzt 44-mal gesagt habe, dass ich da nicht drüber reden will, wäre es cool, wenn wir nicht mehr darüber reden.»). Und für ein Loblied auf die neue Werder-Mentalität ist es ihm nach sechs Spieltagen noch zu früh.
Der Mythos Weserstadion
Trotzdem lieferte Füllkrug nach dem Paderborn-Spiel noch eine Erklärung dafür, warum es bei ihm nach zwei enttäuschenden Auslandsstationen in London und Mailand aktuell so viel besser läuft: «Ich bin älter. Ich bin gesetzter. Ich mache das nicht, um danach noch mal unbedingt irgendwo landen zu müssen», sagte er. «Mit 24 denkt man vielleicht: Wenn man eine gute Saison spielt, kann man danach irgendwas erreichen.» Sprich: ein Top-Angebot bekommen oder Nationalspieler werden. Das sei jetzt bei ihm «einfach anders. Deswegen habe ich eine große Lockerheit.»
Dass Werder wieder Spektakel bieten und Füllkrug dabei vorangehen soll, ist genauso gewollt. Am Samstag feierten die Bremer den 100. Geburtstag des Weserstadions. Und der Mythos dieser Arena geht genau auf solche Erlebnisse zurück: spektakuläre Aufholjagden im Europapokal gegen Spartak Moskau, den BFC Dynamo oder RSC Anderlecht. «Dieses Stadion wieder anzuzünden» sei sein Ziel, sagte Thioune. Das gibt die Historie dieses Vereins geradezu vor.
Gegen Paderborn dämmerte den Bremern aber auch, dass es dazu in den nächsten Wochen wieder etwas mehr Balance braucht. Zu wild darf es nicht sein. «Es muss nicht jedes Mal 0:2 stehen, um ein Fußballspiel noch zu gewinnen», sagte der Trainer.
Sebastian Stiekel, dpa
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