Was ein Einbalsamierer macht? «Ich bin kein Zauberer»
Mit einer Einbalsamierung bleibt mehr Zeit für den Abschied. Vor allem bei Überführungen von Toten ins Ausland sind Fachleute gefragt. Ein seltener Einblick.
Mit einer Einbalsamierung bleibt mehr Zeit für den Abschied. Vor allem bei Überführungen von Toten ins Ausland sind Fachleute gefragt. Ein seltener Einblick.
Jörg Grandjean setzt am Hals des Toten das Skalpell an. Ein feiner Schnitt in die bereits freigelegte Arterie, dann schließt er dort über eine Kanüle einen Schlauch an. Dadurch wird ein hoch verdünntes Konservierungs- und Desinfektionsmittel in die Blutbahn des Leichnams gepumpt. Das alte Blut fließt über eine Vene aus dem Körper heraus.
«Das ist eine moderne Einbalsamierung», sagt der Bestatter in Trier. Die Flüssigkeit im Körper werde wie bei einer Art Dialyse ausgetauscht. «Damit wird der Beginn der Verwesung vier bis sechs Wochen verzögert», sagt Grandjean als einer der sogenannten Thanatopraktiker in Deutschland.
Bei dem Toten auf dem Tisch handelt es sich um einen Verstorbenen aus einem anderen europäischen Land. Er ist vor wenigen Tagen in einem Krankenhaus in Rheinland-Pfalz gestorben – und wird vor seiner Überführung in sein Heimatland behandelt, um den Körper vorübergehend zu konservieren.
Äußeres Erscheinungsbild erhalten
Solche Fälle kommen häufiger vor, erzählt Grandjean. Gerade bei Überführungen ins Ausland. «Es geht darum, dass man der Familie zu Hause ermöglichen will, sich von dem Toten zu verabschieden.» Und dabei sollten sie einen ästhetisch und hygienisch gut versorgten Körper vorfinden.
«Es kann ja sein, dass der Sarg noch mal geöffnet wird, um den Toten aufzubahren vor einer Bestattung», sagt der 62-Jährige. Er hat bereits Einbalsamierungen bei Toten gemacht, die dann nach Australien und in die USA überführt wurden. Andere stammten aus Ländern in Europa.
«Ich bin kein Zauberer», sagt Grandjean, als er die acht Liter Flüssigkeit für die Pumpe vorbereitet. «Aber es geht schon einiges, wenn man einen Toten aufbereiten will.» Dazu gehöre, spezielle Färbungen an den Händen oder am Körper «herauszuwaschen», die durch Krankheiten oder die Todesumstände entstanden seien. Auch Kosmetik komme zum Einsatz.
Grandjean, der mit seiner Frau ein Bestattungshaus führt, ist im Jahr 10- bis 15-mal als Einbalsamierer am Werk. Dabei wird er oft von Überführungsunternehmen angefragt. Er habe sich 2015 zu der zweijährigen Fortbildung am Deutschen Institut für Thanatopraxie in Düsseldorf entschlossen, «weil mich das immer schon interessiert hat».
Fachleute auch nach Unfällen im Einsatz
Das Institut hat bisher knapp 160 Thanatopraktiker und Thanatopraktikerinnen ausgebildet. Sie praktizieren in Deutschland, Österreich und Tschechien, wie eine Sprecherin des Bundesverbandes Deutscher Bestatter in Düsseldorf sagt, zu dem das Institut gehört. In Rheinland-Pfalz gibt es demnach fünf.
Sie kämen vor allem zum Einsatz, wenn Verstorbene über lange Strecken überführt werden müssen oder Angehörige eine Abschiednahme am offenen Sarg wünschten. Ihre Arbeit sei auch nötig, wenn eine gewöhnliche hygienische und kosmetische Versorgung nicht ausreiche, sagt die Verbandssprecherin.
Das kann beispielsweise nach schweren Unfällen, bei Verletzungen oder nach längerer Liegezeit der Fall sein. Mithilfe spezieller Rekonstruktionstechniken können die Fachleute dann das äußere Erscheinungsbild Verstorbener so weit wie möglich wiederherstellen.
Es habe schon Fälle gegeben, da habe er nach unnatürlichen Todesfällen Gliedmaßen wieder angebracht oder Schädel rekonstruiert, sagt der Trierer Bestatter Grandjean. Und auch nach rechtsmedizinischen Untersuchungen, bei denen Leichen geöffnet und seziert werden, werde er tätig.
In anderen Ländern wird mehr einbalsamiert
Bei Einbalsamierung denkt man auch ans alte Ägypten, an die rituelle Totenversorgung von Pharaonen. Diese hatte aber die Mumifizierung zum Ziel, also eine dauerhafte Erhaltung des Körpers. Bei der Einbalsamierung heute geht es um kurzfristige Konservierung.
Bei uns werden vergleichsweise wenige Verstorbene einbalsamiert. Die moderne Einbalsamierung, auch Modern Embalming genannt, sei eher unüblich, heißt es vom Bundesverband. Deutlich verbreiteter seien Einbalsamierungen beispielsweise in den USA, Großbritannien und Frankreich.
«Dort haben offene Aufbahrungen und moderne Einbalsamierungstechniken eine längere Tradition.» Insbesondere in den USA sei die Abschiednahme am offenen Sarg fester Bestandteil vieler Trauerfeiern.
Auch in den Niederlanden gebe es Einbalsamierungen häufiger, sagt Mark Bok vom Bestattungsteam Grandjean in Trier. Wenn dort eine Person sterbe, bleibe sie oft danach noch zu Hause – im Bett oder aufgebahrt – damit Menschen auch Tage nach dem Tod Abschied nehmen könnten, sagt der Niederländer.
Würdevoller Umgang mit dem Toten im Vordergrund
In der deutschen Bestattungskultur sei die hygienische Versorgung mit anschließender Kühlung der übliche Weg. Zahlen zu Einbalsamierungen liegen dem Verband nicht vor.
«Das Einbalsamieren ist bei Überführungen ins Ausland teilweise gesetzlich vorgeschrieben», sagt der 2. Vorsitzende des Vereins Deutscher Einbalsamierer, Karl-Hermann Pingel, im niedersächsischen Lingen. Manche Empfängerländer verlangten, dass der Verstorbene einbalsamiert werde.
Sinnvoll sei eine Einbalsamierung auch, wenn Tote unter schwierigen Temperaturverhältnissen aufgebahrt werden sollten. «Es gibt Friedhofskapellen, die keine Kühlung haben», sagt Pingel, dessen Verein rund 100 Mitglieder zählt.
Bei der Einbalsamierung in Trier zieht Grandjean für jeden Arbeitsschritt neue Schutzhandschuhe an. Er geht langsam und behutsam vor. «Der würdevolle Umgang mit dem Verstorbenen steht im Vordergrund», sagt er. Nach getaner Arbeit legt er den Toten zurück in den Sarg, in dem dieser dann seine letzte Reise in sein Heimatland antritt.
Von Birgit Reichert, dpa
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