Was der Storch über unsere Landschaft erzählt
Lange war der majestätische Vogel in Rheinland-Pfalz ausgestorben. Jetzt ist er zurück. Für die neue Leiterin des Storchenzentrums beginnt damit die eigentliche Naturschutzgeschichte erst.
Lange war der majestätische Vogel in Rheinland-Pfalz ausgestorben. Jetzt ist er zurück. Für die neue Leiterin des Storchenzentrums beginnt damit die eigentliche Naturschutzgeschichte erst.
Seit der einst ausgestorbene Weißstorch wieder über Rheinland-Pfalz kreist, scheint die Natur in Ordnung. Klappernde Schnäbel auf Dächern, große Nester auf Masten, Junge im Nest: Der majestätische Vogel gehört vielerorts zum Landschaftsbild. Doch für Simone Friedrich, die neue Leiterin des Storchenzentrums Bornheim, ist das nur die halbe Geschichte.
«Eine stabile Storchenpopulation allein bedeutet noch lange nicht, dass auch die Lebensräume dauerhaft gesichert sind», sagt sie. Der Weißstorch habe sich seit seiner Wiederansiedlung vor rund 30 Jahren in Rheinland-Pfalz zwar zu einer Population entwickelt, die sich aus eigener Kraft erhalten könne. Doch damit ende der Naturschutz nicht - im Gegenteil: Am Storch lasse sich besonders gut zeigen, was in der Landschaft sonst leicht übersehen werde.
Mehr als ein schöner Vogel
Denn der auffällige Zugvogel ist für Friedrich weit mehr als eine geschützte Art. Er sei ein «Zeigertier» - und damit eine Art Fenster in ein viel größeres Gefüge. Wo findet der Storch genügend Nahrung? Was passiert mit Wiesen, Bachufern und Kleingewässern? Welche Bedeutung haben Weiden und extensiv bewirtschaftete Flächen? Und was geschieht mit all den Arten, die auf genau diese Lebensräume angewiesen sind?
Wer dem Storch folgt, landet deshalb schnell bei einer grundsätzlichen Frage: «Was ist eigentlich ein funktionierendes Ökosystem - und warum geht uns das alle an?» Friedrich will den Blick genau dorthin lenken. Denn Lebensräume sind kein Nebeneinander einzelner Arten, sondern ein kompliziertes Geflecht aus Wasser, Boden, Pflanzen, Insekten, Amphibien, Kleinsäugern und Vögeln.
Auch die Bewirtschaftung prägt dieses Gefüge. Wird eine Fläche intensiver genutzt, verändert sich häufig mehr als nur das Aussehen einer Wiese. Fehlen Strukturen, Nahrung oder Wasser, können viele Arten ihre Lebensgrundlage verlieren. Gerade in der Kulturlandschaft entscheide die Beschaffenheit einer Fläche darüber, wie viel Raum für biologische Vielfalt bleibe, sagt Friedrich.
Wenn ein Teil verschwindet
Hinzu kommt der Klimawandel. Längere Trockenperioden und veränderte Niederschlagsmuster können dazu führen, dass Nahrungsflächen für den Storch und andere Tiere zeitweise deutlich weniger ergiebig sind. Was heute noch selbstverständlich erscheint, kann morgen schon unter Druck geraten. Umso wichtiger sei es, vorhandene Lebensräume zu bewahren, miteinander zu verbinden und ökologisch aufzuwerten, sagt die Leiterin des Zentrums.
Dabei hat der Weißstorch einen Vorteil, den andere nicht besitzen: Fast jeder kennt ihn. Er brütet oft in der Nähe des Menschen, ist auffällig, groß und leicht zu beobachten. «Kaum ein anderer heimischer Zugvogel ist so bekannt und lässt sich so unmittelbar erleben», sagt Friedrich. Gerade deshalb könne er Menschen für Zusammenhänge interessieren, die zunächst abstrakter wirken.
Wer den Weißstorch schützen wolle, dürfe nicht beim Horst stehen bleiben. Seine Lebensräume müssten ebenso in den Blick genommen werden wie die Bedingungen entlang seiner Zugwege und in seinen Überwinterungsgebieten. Für Friedrich bedeutet das einen Perspektivwechsel: Nicht nur fragen, wie viele Störche es gibt - sondern auch, wie die Landschaft aussieht, in der sie leben.
Der Storch als Botschafter
Künftig soll deshalb stärker der Lebensraum im Mittelpunkt stehen. Mit Kooperationspartnern und anderen Naturschutzprojekten sollen Erfahrungen gebündelt und Perspektiven zusammengeführt werden. Denn artenreiche Wiesen, strukturierte Kulturlandschaften und naturnahe Gewässer sind nicht nur Lebensgrundlage des Weißstorchs. Sie sind Räume für Gemeinschaften.
«Naturschutz mit dem Weißstorch» heißt für Friedrich deshalb vor allem, den Vogel als Symbolfigur zu nutzen. Sein Nest ist für sie der sichtbare Anfang einer viel größeren Geschichte. Dahinter stehen Wasser und Boden, Wiesen und Weiden, Insekten und Amphibien - und letztlich die Frage, wie Menschen mit ihrer Landschaft umgehen. Der Storch ist wieder in Rheinland-Pfalz. Nun kommt es darauf an, was mit der Landschaft passiert, die ihn zurückgebracht hat.
Von Wolfgang Jung, dpa
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