Sie haben Hunderte Millionen Jahre im Gestein überdauert. Zwei außergewöhnlich gut erhaltene Fossilien aus der Westpfalz könnten nun ein Geheimnis preisgeben, das auch erfahrene Forscher elektrisiert. Gehören die rund 300 Millionen Jahre alten Ursaurier zu Arten, die der Wissenschaft bislang unbekannt sind? Um das herauszufinden, bekommen die steinernen Zeugen der Vorzeit Hilfe von einer Technik, die normalerweise tief in das Innere von Beton, Stahl und anderen Baumaterialien blickt.
Ein Blick in die Vergangenheit
Jetzt wurden die Fossilien in einer Groß-CT-Anlage der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau (RPTU) durchleuchtet. Paläontologe Sebastian Voigt vom Urweltmuseum Geoskop setzt auf die hochauflösenden Aufnahmen der Computertomographie (CT). Vor allem die Zähne könnten verraten, ob die Vermutungen stimmen. Gelingt das, wäre womöglich eine unbekannte Art oder gar Gattung nachgewiesen.
Die beiden Skelette wurden 2018 und 2019 in der Region Remigiusberg bei Kusel entdeckt. Sie gehören zu den sogenannten Diadectomorphen, auch Querbeißartige genannt. Diese reptilienähnlichen Vierfüßler lebten am Übergang vom Karbon zum Perm, lange vor dem Zeitalter der Dinosaurier.
Der Fund begann unscheinbar: Sieben Brustwirbel lagen in Reihe im Gestein. Das zweite Skelett wurde in mehr als 200 Teilen entdeckt. Acht bis zehn Helfer suchten zehn Tage lang; rund 95 Prozent des Skeletts wurden gerettet. Wer Knochen entdeckt, kann nicht den Meißel ansetzen und das Skelett herausheben. Forscher müssen vorsichtig von außen auf den Fund zuarbeiten.
Die Zähne sind der Schlüssel
Die entscheidenden Merkmale liegen dort, wo die Forscher bislang kaum hinsehen können: im Gebiss. Um die Backenzähne freizulegen, müssten Teile des Gesichtsschädels zerstört werden. Das kommt für Forscher nicht infrage. Die Groß-CT soll daher zeigen, wie viele Zähne vorhanden sind, wie sie im Kiefer angeordnet sind und ob sich Details der Kauflächen erkennen lassen.
Die Diadectomorphen sind für die Evolutionsforschung besonders interessant. Frühe Vertreter waren räuberisch und hatten spitze Zähne. Spätere Formen entwickelten Schneide- und Backenzähne, mit denen sich Pflanzen zerkleinern ließen. Die Gruppe gilt als eng mit der Entwicklung der späteren Landwirbeltiere verwandt - zu denen Reptilien, Dinosaurier, Vögel und Säugetiere gehören.
Ein Hochleistungsgerät für die Urzeit
Die Groß-CT-Anlage der RPTU wurde nicht für Fossilien gebaut. Ingenieure nutzen sie, um Bauteile zu untersuchen, Schwachstellen aufzuspüren und Materialverhalten unter Belastung zu simulieren. Statt eines Betonpfeilers liegt nun erstmals ein urzeitliches Skelett auf dem Untersuchungstisch.
Mit auswertbaren Bildern beginnt für Forscher Voigt die eigentliche Spurensuche: Er muss erkennen, was Zähne, Knochen und Gestein preisgeben - und was im Dunkeln bleibt. Bestätigen sich die Hinweise, könnte am Remigiusberg der älteste bekannte Vertreter der pflanzenfressenden Diadectomorphen nachgewiesen werden. Bis dahin bleiben die Tiere namenlose Zeugen einer längst vergangenen Welt.
Was der Stein noch bewahrt
Vielleicht aber treten Strukturen hervor, die eine neue Einordnung ermöglichen. Zwischen dunklem Gestein und hochmoderner Technik entscheidet sich, ob zwei uralte Körper der Wissenschaft neue Namen schenken. Ihre Geschichte begann vor rund 300 Millionen Jahren. Jetzt könnte sie ein weiteres Kapitel bekommen.
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