Das Handwerk findet bei jungen Menschen wieder mehr Interesse. (Symbolbild)
Leonie Asendorpf/dpa
Das Handwerk findet bei jungen Menschen wieder mehr Interesse. (Symbolbild)
Ausbildungsjahr

Karriere im Handwerk stärker gefragt

Handwerksberufe werden für junge Menschen wieder attraktiver. Trotzdem sind noch Ausbildungsplätze offen – und längst nicht alle Bewerber kommen zum Zug. Über Chancen und falsche Vorstellungen.

Vom Anlagenmechaniker über die Friseurin und den Mechatroniker bis zur Zahntechnikerin: Das Handwerk bietet mehr als 130 Ausbildungsberufe. Und: «Es gewinnt als Bildungs- und Karriereweg erkennbar an Attraktivität», sagt der Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft der Handwerkskammern in Rheinland-Pfalz, Axel Bettendorf, der Deutschen Presse-Agentur. Allerdings reiche das wachsende Interesse noch nicht, um das Angebot der Betriebe vollständig auszuschöpfen. 

In den vier Handwerkskammern habe es im vergangenen Jahr 5.682 neu eingetragene Ausbildungsverträge gegeben, sagt Bettendorf. In diesem Jahr seien es bislang bereits 6.029. Aber auch im August, September und danach würden oft noch Verträge abgeschlossen.

Viele Betriebe suchen einen Nachfolger 

«Das Handwerk ist aus meiner Sicht gerade ein Stück weit Profiteur der konjunkturellen Krise, zumindest was das Thema Ausbildung angeht», sagt die neue Chefin der Regionaldirektion Rheinland-Pfalz/Saarland der Bundesagentur für Arbeit, Ulrike Mohrs. «Ich nehme wahr, dass das Interesse an einer Ausbildung im Handwerk steigt.» Warum?

«Wenn man Handwerker braucht, ist es schwierig, einen zu bekommen. Da sind Bedarfe da. Da sind Aufträge da und es geht jetzt darum, Fachkräfte an Land zu ziehen.» Viele Unternehmen wollten junge Menschen auch mit Blick auf die anstehende Nachfolge in ihrem Betrieb binden. Andere Gründe sind:

Sichere Jobs

Das Handwerk bietet gute und sichere Beschäftigungsperspektiven, sagt Bettendorf. «Wer eine handwerkliche Ausbildung erfolgreich abschließt, hat regelmäßig gute Chancen auf eine dauerhafte Beschäftigung.» Dazu kämen frühzeitige finanzielle Selbstständigkeit und durchlässige Karrierewege. Mohrs sagt auch: «Im Handwerk gibt es oft tolle Chancen, sich eine Existenz aufzubauen. Eine Existenz, wo man auch finanziell sehr gut abgesichert ist – oft besser als Akademiker.» 

KI bedroht den Job nicht

«Langsam wird den Menschen bewusst, wie viele Chancen man im Handwerk hat, auch weil vieles eben nicht durch Automatisierung ersetzt werden kann, wie es vielleicht auch in der Industrie der Fall ist», sagt Mohrs. Und Bettendorf stellt fest: Viele handwerkliche Tätigkeiten seien durch künstliche Intelligenz nicht zu ersetzen.

Sinn und Erfüllung, aktuelle Themen und Methoden

«Viele junge Menschen möchten praktisch arbeiten und am Ende des Tages sichtbare Arbeitsergebnisse sehen», sagt Bettendorf. Sie könnten Sinn und Erfüllung im Handwerk finden.

Handwerker arbeiteten an Zukunftsthemen wie Energieversorgung, Mobilität, Wohnungsbau, Klimaschutz, Gesundheit und Lebensqualität. Dabei spiele auch moderne Technik eine Rolle: In vielen Berufen kämen digitale Steuerungstechnik, Diagnosesysteme, Robotik, Computer-Aided Design (CAD/rechnerunterstütztes Konstruieren), intelligente Gebäudesystemen, Wärmepumpen, Photovoltaik oder neuen Materialien zum Einsatz.

«Gebäudetechnik, Heizungstechnik, smarte Systeme – die Verknüpfung von Heizung und Elektronik in einem Gebäude. Das sind ja absolute Fachleute mit denen man enorm viel Energie und Kosten sparen kann», beschreibt Mohrs die Berufe. «Handwerk ist heute nicht immer nur noch mit Dreck und Schmutz verbunden, sondern vielfach auch mit wirklich hoch technologisiertem Arbeiten.» 

«Die Berufsbilder haben sich wirklich sehr stark verändert und sind teilweise auch attraktiv, weil gerade im Handwerk mittlerweile vieles sehr ökologisch ausgerichtet ist.»

Unbekannte Berufe und falsche Vorstellungen

Gebäudereiniger, Gerüstbauer, Straßenbauer, Beton- und Stahlbetonbauer, Rollladen- und Sonnenschutzmechatroniker, Orthopädieschuhmacher oder verschiedene Feinwerk- und Ausbaugewerke – solche Berufe seien vielen Jugendlichen kaum bekannt. «Dadurch gibt es weniger aktive Bewerbungen», bedauert Bettendorf.

In den Lebensmittelhandwerken konkurrierten Bäckereien, Fleischereien und Konditoreien mit vielen anderen Branchen um Jugendliche. Frühe Arbeitszeiten, Wochenendarbeit und ein körperlich fordernder Arbeitsalltag machten es schwerer, Azubis zu finden, obwohl die Berufe gute Aufstiegs- und Selbstständigkeitsmöglichkeiten böten.

«Bau-, Dachdecker-, Gerüstbau-, Straßenbau- und Ausbauunternehmen haben trotz guter Verdienst- und Karriereperspektiven häufig mit Vorbehalten gegenüber körperlicher Arbeit, Witterung und Baustellentätigkeit zu kämpfen», weiß Bettendorf. 

«Man muss immer die gesamte Bandbreite eines Berufsspektrums sehen», rät Mohrs. «Beispiel Dachdecker: Wie oft macht ein Dachdecker noch ein klassisches Schieferdach und sitzt dabei auf dem Dach?» Es gebe vielmehr zahlreiche Alternativen inklusive ökologisch wichtiger Dachbegrünungen. 

Ausbildungsjahr 2026/27

Die Lage sei für die Bewerber und Bewerberinnen grundsätzlich günstig, sagt Bettendorf. Bei den Männern seien besonders Kraftfahrzeugmechatroniker für Pkw-Technik, Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik sowie Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik als auch Tischler gefragt gewesen. Bei den jungen Frauen erneut vor allem die Friseurin. In weniger bekannten Berufen blieben viele Stellen unbesetzt. 

Allerdings passten Berufswunsch, Schulabschluss, persönliche Voraussetzungen und betriebliche Erfahrungen nicht immer zusammen. So gebe es auch in den zehn beliebtesten Ausbildungsberufen noch freie Stellen. 

Dazu komme die Mobilität: «Ein Jugendlicher in Mainz kann nicht automatisch eine Stelle in der Eifel oder im Westerwald antreten», sagte Bettendorf. «Gerade in Rheinland-Pfalz spielen ÖPNV, Führerschein, Fahrtkosten und Wohnmöglichkeiten eine wichtige Rolle.»

Was tun?

Berufsorientierung müsse früher, regelmäßiger und vor allem praxisnäher erfolgen, fordert der Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft der Handwerkskammern. «Wer einen Beruf und einen Betrieb selbst erlebt, entscheidet sich häufiger für eine Ausbildung.» Mohrs betont: «Da kann ich immer wieder nur sehr dafür werben, unsere Beratungsberatung und unsere Beratung im Erwerbsleben wirklich in Anspruch zu nehmen.»

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