Wegen des extremen Niedrigwassers können Binnenschiffe auf dem Rhein derzeit nur einen Bruchteil der sonst üblichen Fracht transportieren.
Bernd Thissen/dpa
Wegen des extremen Niedrigwassers können Binnenschiffe auf dem Rhein derzeit nur einen Bruchteil der sonst üblichen Fracht transportieren.
Binnenschifffahrt

Extrem-Niedrigwasser: Mehr Schiffe laufen Hafen Duisburg an

Mehr als 400 Schiffe pro Woche, kaum Liegezeit: Warum im Hafen Duisburg jetzt alles schneller gehen muss – und wie Zentimeter über die Weiterfahrt entscheiden.

Wenig Wasser im Rhein - viel Arbeit im Hafen: Im Duisburger Binnenhafen ist trotz des extremen Rhein-Niedrigwassers in diesen Wochen mehr los als sonst. Der Grund: Die Schiffe können viel weniger Ladung aufnehmen als üblich, weil sie sonst auf Grund laufen würden. Also fahren sie häufiger - und laden im Hafen häufiger um. 

«Wir hätten normalerweise bei normalem Wasserstand so 280 bis 300 Schiffe pro Woche, die den Hafen anlaufen», sagt der Hafenmeister Detlef Bours von der Duisburger Hafen AG. «Wir sind jetzt bei 400 bis 450 in der Spitze.» Manche Schiffe kämen anstatt mit 3.000 Tonnen jetzt nur noch mit 300 Tonnen. Und anstatt 10, 12 oder 14 Stunden Liegezeit seien es jetzt nur noch 2 Stunden. Dann komme schon das nächste Schiff, erzählt der 60-Jährige. 

Duisburger Hafen hat nur begrenzte Liegekapazität 

Doch nicht alle Schiffe können fahren. Einige wollten eigentlich noch rheinaufwärts, etwa nach Köln-Godorf, doch die kamen plötzlich nicht mehr weiter, erzählt Bours. «Die liegen jetzt hier. Das ist für das Schiff blöd. Das ist für den Spediteur blöd. Es ist auch für den Warenempfänger eine unzufriedene Geschichte, weil er seine Ware nicht kriegt. Und für uns macht es das kompliziert, weil der Hafen natürlich auch nur eine gewisse Kapazität hat.» 

Zwar seien viele Firmen ansässig, man habe aber verhältnismäßig wenige, frei verfügbare Liegeflächen. Der Grund: Die Schiffe sind mit den Jahren immer größer geworden. Seien in den 1980er Jahren 80-Meter-Schiffe mit 8 Metern Breite die Norm gewesen, seien große Schiffe heute 135 Meter lang und 17 Meter 50 breit. Wo früher 4, 5 oder 6 Schiffe gelegen hätten, liege heute nur noch eines, sagt der Hafenmeister. 

Pegelstand in Duisburg zeitweise deutlich tiefer als 2018 

Doch woher wissen Schifffahrt und der Hafen, wie tief die Fahrrinne ist und wie viel Ladung sie aufnehmen dürfen, um nicht auf Grund zu laufen? Antwort: Durch Messung des Wasserstandes an einer bestimmten Stelle, dem Pegel. In Duisburg befindet sich eine Messstelle an einer wichtigen Hafeneinfahrt. Der Name des Pegels lautet «Ruhrort». 

In der Schifffahrt bezeichnet «Wasserstand» den Wert an einem bestimmten Pegel, nicht die Fahrrinnentiefe. Am Pegel Duisburg-Ruhrort liegt der Pegelwert laut Bours normalerweise bei drei bis fünf Metern. Beim Extrem-Niedrigwasser 2018 fiel er am 23. Oktober auf den bisherigen, offiziellen Tiefstwert von 1,53 Metern im Tagesdurchschnitt. 

Beim aktuellen Niedrigwasser wurde dieser Wert bereits deutlich unterschritten. Nach vorläufigen Daten fiel der Pegel Ruhrort am vergangenen Montag zeitweise auf 1,26 Meter. Seitdem steigt der Wert wieder. Ob dies jedoch auch der neue Wert für das «Niedrigste Niedrigwasser» (NNW) an diesem Pegel sein wird, ist noch offen. Dies wird noch laut Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Rhein (WSV) in einem längeren Verfahren geprüft. 

Schiffe brauchen Sicherheitsabstand zum Flussboden 

Damit die Schiffe auf die Fahrrinnentiefe kommen, wird der Pegelwert noch mit anderen Daten verrechnet. Beim Pegel 1,26 Meter war der Rhein am Pegel Ruhrort noch 1,79 Meter tief. Als Puffer brauchen Schiffe aber einen Sicherheitsabstand von 30 Zentimeter zum Boden, sodass sie bei diesem Pegelstand höchstens einen Tiefgang von 1,49 Meter haben durften. 

Derzeit würden rund zehn Schiffe im Hafen liegen, die gerne weiterfahren würden, wenn sie denn könnten, erzählt Bours weiter. Es gehe um Zentimeter. «Das ist gerade wirklich sehr, sehr kritisch.» Man bewege sich in einem Bereich, wo zum Beispiel zehn Zentimeter entscheiden würden: «Komme ich da hin oder komme ich da nicht hin?». 

Hafenmanager hofft auf Erholung Ende September 

Auch die Betreibergesellschaft des Duisburger Hafens bewertet die Lage als angespannt. Wegen der Niederschläge gehe man in der Prognose aber von einer leichten Erholung aus, sagt der Konzernbevollmächtigte Binnenschifffahrt, Joachim Holstein. Die Schiffe könnten dann wieder etwas mehr laden. Deutlich mehr Entspannung erhofft er sich «in Richtung Ende September, Anfang Oktober». 

Man habe in Duisburg den Vorteil, dass der Hafen derzeit auch von großen Schiffen noch angefahren werden könne, sagt Holstein. «Sie kommen aber nicht mehr weiter Richtung Köln oder Richtung Mannheim oder noch weiter Richtung Basel.» Die Schiffe können allerdings deutlich weniger transportieren. Holstein schätzt, dass sie derzeit noch rund 20 Prozent der sonst üblichen Ladung an Bord nehmen können. 

An den Terminals wird die Fracht laut Holstein dann umgeladen in kleinere Schiffe oder auf Bahn oder Lastwagen. «Um dann beispielsweise nach Süddeutschland weiterzufahren.» Umgekehrt würden die Container, die sonst am Mittel- und Oberrhein auf Schiffe geladen werden, im Moment per Straße oder per Zug kommen. Sie gingen dann aufs Schiff und dann in die Seehäfen Antwerpen, Rotterdam und Amsterdam. Der Rhein spielt eine wichtige Rolle für den Güterverkehr in Deutschland: Rund 80 Prozent des gesamten deutschen Binnenschiffsgüterverkehrs werden über Deutschlands größten Fluss abgewickelt. 

Wie kommt der Hafen durch die aktuelle Niedrigwasser-Phase? 

Die Auswirkungen des Rhein-Niedrigwassers auf das Geschäft der Hafen AG sind laut Holstein derzeit noch schwer einzuschätzen. Zwar habe man mehr Schiffe, aber nicht mehr Tonnage. «Wir können einigermaßen froh sein, dass wir arbeiten können.» Man sorge dafür, dass die normale Lieferkette, die nicht funktioniert, durch eine neue Lieferkette ersetzt werde. «Das heißt, die Beschäftigung ist da. Die Auswirkungen an der Stelle sind vielleicht dann nicht so gravierend, wie es vielleicht für einen süddeutschen Hafen ist.» Insgesamt geht er davon aus, dass der Duisburger Hafen «einigermaßen stabil durch diese Phase» kommt. 

Politischen Handlungsbedarf sieht der Hafenmanager trotzdem. So müsse das Thema Vertiefung am Mittel- und Niederrhein dringend umgesetzt werden. «Die Förderung niedrigwasseroptimierter Schiffe sollte auf jeden Fall weitergeführt werden.» Und generell sollte der Verkehrsträger Binnenschifffahrt mit ausreichenden finanziellen Mitteln ausgestattet werden, auch mehrjährig. 

Und was macht der Pegel? Bis Sonntagmorgen könnte er laut einer Schätzung des WSV in Ruhrort auf 1,70 Meter steigen. Das wären immerhin 17 Zentimeter mehr als der bisherige offizielle Minusrekord. Das Niedrigwasser ist noch lange nicht vorbei.

Von Helge Toben (Text) und Bernd Thissen (Bild), dpa
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