Luftwaffe feuert eine Patriot-Flugabwehrrakete
Kay Nietfeld/dpa
Luftwaffe feuert eine Patriot-Flugabwehrrakete
Neue Luftverteidigung

Scharfes Schießen: Luftverteidigung nimmt «Meilensteine»

Die Lage der Ukraine zeigt, wie wichtig die Fähigkeit zur Verteidigung gegen Angriffe mit Raketen und Drohnen ist. Auf Kreta wird deutlich, wie die deutsche Luftverteidigung aussieht.

Verteidigungsminister Boris Pistorius sieht den gemeinsamen Ausbau der Nato-Luftverteidigung als zentralen Schritt zur Stärkung der Verteidigungsbereitschaft. Die Notwendigkeit dazu zeige der Krieg Russlands gegen die Ukraine, sagte der SPD-Politiker beim Besuch der Militärübung Spartan Arrow 2026 auf Kreta, wo deutsche und schwedische Soldaten die Flugabwehr im scharfen Schuss übten.

«Eine wirksame Luftabwehr ist unerlässlich für den Schutz unserer Streitkräfte, unserer kritischen Infrastruktur – und natürlich auch der Zivilbevölkerung», sagte Pistorius. Der Verlauf des Krieges in der Ukraine zeige, dass die Luftverteidigung unverzichtbar sei für Kampfkraft, die Aufrechterhaltung eigener Militäroperationen und letztendlich für die eigene Durchsetzungsfähigkeit.

Scharfer Schuss auf Drohnen und Raketen

Deutsche und schwedische Soldaten trainierten auf dem griechischen Nato-Raketenschießplatz NAMFI («Nato Missile Firing Installation») den Einsatz ihrer bodengebundenen Luftverteidigungssysteme. Das Militär sprach von realitätsnahen Bedingungen. Dabei werden Luftziele wie Drohnen und ballistische Raketen bekämpft. Die Übung begann 60 Tage vorher mit einer Alarmierung in Deutschland und der Verlegung. 

Ein scharfer Schuss mit den teuren Lenkflugkörpern ist ein seltenes Ereignis. Militärisch sind sie ein knappes Gut, zudem sind dafür Beschränkungen im Luftraum und im Seegebiet nötig. Der Raketenschießplatz ist die einzige Einrichtung dieser Art im europäischen Nato-Gebiet.

Die Bundeswehrsoldaten feuerten dort heute auch erstmals mit ihrem neuen Waffensystem Iris-T SLM, das sich in der Ukraine bewährt hat. Es wurde vom deutschen Rüstungsunternehmen Diehl Defence entwickelt. 

Wie «Pfeil mit einem Pfeil abschießen»

Luftwaffeninspekteur Holger Neumann betonte auf Kreta die technische Herausforderung. «Um einen Vergleich zu bemühen: Eine taktische ballistische Rakete abzufangen, ist so, als würden Sie einen Pfeil mit einem Pfeil abschießen wollen», sagte der Generalleutnant. 

«Unsere neuen Systeme haben eine Hit-to-Kill-Fähigkeit. Das bedeutet, sie haben keinen Annäherungszünder und explodieren in der Nähe des gegnerischen Flugkörpers, sondern sie treffen genau den Gefechtskopf der Rakete: Hit-to-Kill. Das ist schon Hightech», so der Luftwaffenchef weiter. Auf Deutsch bedeutet das ungefähr «Treffer zum Abschuss».

Die Luftverteidigung werde aufwachsen. Aktuell habe die Bundeswehr ein Flugabwehrraketengeschwader, während es im Kalten Krieg sechs gewesen seien. Diese seien damals aber sehr statisch an der innerdeutschen Grenze – damals Ostflanke der Nato – positioniert gewesen. 

Der Luftkrieg habe sich verändert. «Wir müssen dynamischer vorgehen, wir dürfen nicht mehr so stationär denken wie früher», sagte er. Die Anzahl der Systeme werde wieder erhöht, zugleich werde die Art und Weise des Einsatzes geändert. 

«Ich werde oft gefragt, kann Deutschland sich verteidigen? Die Frage stellt sich aus meiner Sicht nicht. Wir sind Teil der Nato und damit Teil eines Verteidigungsbündnisses von 32 Mitgliedern», so Neumann. «Im Verbund ist und bleibt die Nato sehr stark.»

Ozelot geht zurück an neue Heeresflugabwehr 

Zudem kam das Flugabwehrsystem Ozelot auf der griechischen Insel zum Einsatz. Es wird nun von der Luftwaffe zurück an das Heer übergeben. 

Träger ist das Kettenfahrzeug Wiesel, eine Art Kleinpanzer, bestückt mit vier Starteinheiten für infrarotgelenkte Flugabwehrraketen vom Typ Stinger. Dieses sogenannte Nahbereichsverteidigungssystem soll den Schutz von Marschkolonnen und Gefechtsständen gegen Tiefflieger, Drohnen und Marschflugkörper gewährleisten.

Die Übergabe zurück ans Heer ist Startpunkt für den Wiederaufbau der sogenannten Heeresflugabwehr, die 2012 aufgelöst wurde. «Es ist ein Schritt hin zu einem Heer, das bereit ist zum Kampf, das sich durchsetzen, das gewinnen kann», sagte Heeresinspekteur Christian Freuding auf Kreta. 

Kurswechsel nach dem Abbau: Neu sind Iris-T und Arrow

Nach dem Ende des Kalten Krieges wurde die Abwehr gegen Luftangriffe in Deutschland sehr weitgehend zusammengestrichen. Solche Angriffe schienen in einem Land, das sich von Freunden und Partnern umgeben sah, unwahrscheinlich, das Geld an anderer Stelle besser ausgegeben («Friedensdividende»). 

Nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine 2022 steuerte das Verteidigungsministerium um und legte mehrere Beschaffungsprogramme auf. Zugleich wurden Launcher und Lenkflugkörper als Militärhilfe an die Ukraine abgegeben, was die Bundeswehr selbst zunächst schwächte.

Luftverteidigung ist in mehreren Schutzschichten organisiert. Die verschiedenen Waffensysteme sind auf unterschiedliche Höhenbereiche spezialisiert. Ganz unten stehen im sogenannten Nah- und Nächstbereich Waffensysteme, die gegen anfliegende Drohnen oder Tiefflieger wirken. 

Patriot und Iris-T wirken – vereinfacht gesagt – im mittleren Bereich. Das Verteidigungsministerium hat zudem das israelische Luftverteidigungssystem Arrow beschafft. Es soll feindliche Raketen in einer Höhe bis über 100 Kilometern zerstören können, eine Fähigkeit, die es in der Bundeswehr zuvor nicht gab.

Von Carsten Hoffmann, dpa
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