Aus Sicht des Popmusikkultur- und Medienforschers Christoph Jacke von der Universität Paderborn fand der Einfluss der Spice Girls auf die Popkultur jedoch weniger in musikalischer Form statt. Vielmehr seien sie «auf der performativen Ebene sehr, sehr wichtig» gewesen, sagte Jacke der Deutschen Presse-Agentur (dpa).
Demnach wussten sie, wie sie sich als Gruppe zu vermarkten hatten. Stets legten sie eine hochprofessionelle und unterhaltsame Performance hin, sowohl live als auch in den für die 1990er-Jahre typischen Musiksendungen. «Dieses Schauspiel mit den verschiedenen Charakteren, diesen Personas auf der Bühne, das ist schon sehr beeindruckend gewesen.» Ein Erfolg, der sich bis heute halte: «Ob Comeback oder nicht - da ist etwas hängen geblieben.»
Expertin: Spice Girls verkörpern Gefühl weiblicher Gemeinschaft
Doch die Spice Girls stehen nicht nur für den Mainstream-Pop der 90er. Mit ihrer «Girl Power»-Mentalität wird ihnen auch ein damals neues weibliches Selbstbewusstsein zugeschrieben. Die Musikwissenschaftlerin Nicola Dibben sieht die Bedeutung der Gruppe in ihrem frechen, unerschrockenen Auftreten und dem Gefühl weiblicher Gemeinschaft, das bis heute ein wichtiger Teil ihres Beitrags zur Popkultur sei.
«Sie legitimierten eine bestimmte Form kollektiver weiblicher Freiheit, auf eine von jungen Frauen selbst bestimmte Weise zu handeln und zu denken», sagte Dibben der dpa. Da junge Frauen als gesellschaftliche Gruppe historisch marginalisiert und abgewertet worden seien, sei es damals wie heute von großer Bedeutung, sie als Gruppe sichtbar und hörbar zu machen - oder zumindest ein Symbol dafür zu schaffen.
Nach Jackes Einschätzung hatten die Spice Girls durchaus eine ermächtigende Wirkung auf ihr damals vorwiegend junges Publikum - trotz ihrer Zugehörigkeit zum Kommerz. Zwar sei die Band anders als etwa die zeitgleich auftretende feministische Punkbewegung der Riot Grrrls nicht ausdrücklich politisch gewesen, feministische Aspekte ließen sich aber durchaus erkennen. «Es ist so ein bisschen versteckter, ein bisschen spielerischer», so der Experte.
Inzwischen sei die Präsenz weiblicher Musikerinnen deutlich selbstverständlicher geworden, meint Jacke. Eine Sensation, wie sie die Spice Girls und andere Girlgroups der 90er-Jahre für den Mainstream darstellten, sei heute angesichts von bereits etablierten weiblichen Superstars wie Taylor Swift, Beyoncé oder Charli XCX demnach auf eine positive Art eher unwahrscheinlich.
Kommt es noch zu einem echten Comeback?
Eine kleine Sensation wäre jedoch ein echtes Comeback der Spice Girls. Bereits 2007 und 2019 fanden sie sich für Reunion-Tourneen wieder zusammen - zuletzt allerdings ohne Victoria Beckham. An Streitigkeiten dürfte eine Wiedervereinigung zumindest nicht scheitern. «Wir kommen prächtig miteinander aus», sagte Mel C im Mai dem «Playboy».
Dass die Nostalgie der 90er-Jahre noch immer Massen begeistert, zeigen andere Bands: Take That, die Backstreet Boys und Oasis locken wieder Fans zu ihren oft ausverkauften Konzerten. Eine vielversprechende Ankündigung der Spice Girls ließ zuletzt die Gerüchteküche brodeln, die Hoffnungen auf ein Comeback erfüllten sich allerdings nicht. Aus Jackes Sicht würde ein Comeback aufmerksamkeitsökonomisch «genauso funktionieren wie bei den Backstreet Boys oder Oasis, so unterschiedlich die sind.»
Von Patricia Bartos, dpa
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