Zum Finale des 79. Internationalen Filmfestivals Locarno hat der Spielfilm «Nu e locul tau aici» («Du gehörst nicht hierher») aus Rumänien den Hauptpreis, den Goldenen Leopard, gewonnen. Der Drehbuchautor und Regisseur Florin Șerban erzählt die gewaltgetränkte Geschichte der gestörten Beziehung eines alleinerziehenden Vaters und seines jugendlichen Sohnes.
Wie eine Vielzahl der Beiträge des internationalen Wettbewerbs entwirft der energiegeladene Film das Bild einer mehr und mehr von Hass, Unsicherheiten und Intoleranz geprägten bürgerlichen Welt. Trotzdem ist die Auszeichnung dieses düsteren Sozialpanoramas mit der höchsten Ehrung des Festivals verblüffend. Denn es gab andere Filme in der Konkurrenz, die formal überraschender sind und sehr viel eindringlichere Gesellschaftsbilder zeichnen.
Dazu gehören die vielfach als Favoriten gehandelten Filme «Objet a» aus Deutschland und die deutsch-ukrainische Gemeinschaftsproduktion «I Rarely Wake Up Dreaming» («Ich wache selten träumend auf»). Beide gingen bei der Preisvergabe durch die Jury des Hauptwettbewerbs leer aus.
Immerhin wurde «I Rarely Wake Up Dreaming» der deutschen Filmregisseurin Isabelle Stever und der Drehbuchautorin Anna Melikova von einer unabhängigen Jugend-Jury mit der ein besonderes Umweltbewusstsein würdigenden Auszeichnung «L'ambiente è qualità di vida» («Die Umwelt ist Lebensqualität») bedacht.
Einen großen Erfolg errangen deutsche Co-Produzenten mit dem Spezialpreis der Jury des internationalen Wettbewerbs: Diese zweitwichtigste Ehrung des Festivals ging an die brasilianisch-deutsche Gemeinschaftsproduktion «A Margem do Rio» («Das Flussufer»).
Das brasilianische Regie-Duo Matheus Farias und Enock Carvalho erzählt von einer schwulen Liebe, die von reaktionären Gewalttätern bedroht wird. Der Film hat teilweise überhöhte poetische Momente, setzt insgesamt jedoch auf eine konventionelle Erzählweise.
«Der deutsche Film war in diesem Jahr geradezu prägend für das Festivalprogramm von Locarno», sagte Kulturstaatsminister Wolfram Weimer laut Mitteilung. «Deutschlands Filmkünstlerinnen und -künstler haben beeindruckende Erfolge erzielt mit Geschichten, die weltweit ein Publikum finden sowie mit einer außergewöhnlichen Vielfalt an Perspektiven und filmischen Erzählformen. Damit haben sie der kreativen Kraft und internationalen Ausstrahlung des deutschen Films alle Ehre gemacht. Dafür danke ich allen Filmteams sehr.»
Regisseur Hong Sang-soo sammelt Preise
Als bester Regisseur wurde der Südkoreaner Hong Sang-soo ausgezeichnet. In «Nun Dul Dega Eomne» («Nirgends, da ich meinen Blick ruhen lassen kann») beleuchtet er zum wiederholten Mal in einem Spielfilm Verständigungsprobleme innerhalb einer Familie. Wie stets erzählt er leise und verhalten. Das ist reizvoll, jedoch nicht innovativ. Auf einem Festival, das sich erklärtermaßen der Förderung eines jungen, frischen Kinos verschrieben hat, mutet die Ehrung nahezu paradox an.
Allerdings gilt Hong Sang-soo weithin als Festivalliebling, den man gern mit einer Auszeichnung schmückt. Er bekam in zurückliegenden Jahren bereits zahlreiche Preise in Berlin, Cannes und auf anderen Festivals, auch schon in Locarno.
Besonders unsicher waren die Jurorinnen und Juroren offenkundig in der Beurteilung schauspielerischer Leistungen. Zwei genderneutrale Preise wurden für beste Darstellungen vergeben. Sie gingen an die Südkoreanerin Kim Min-hee für die Interpretation der Hauptrolle in «Nun Dul Dega Eomne» und an die Italienerin Monica Belluci für ihre Verkörperung einer Mutter im italienischen Jugenddrama «Ketticè» («Chaos»).
Dazu gab es auch noch lobende Erwähnungen für Teodor Butănescu, den rumänischen Darsteller des Jungen im Siegerfilm «Nu e locul tau aici» und für den Kandier Xavier Bergeron, der im Thriller «Violence du corps de l'autre» («Gewalt gegen den Körper des anderen») einfühlsam einen Todkranken porträtiert.
Erstmals wurde ein Kinderfilm ausgezeichnet
Erstmals in der Geschichte des Festivals hat eine Jugendjury in der dem Kinderfilm gewidmeten Sektion «Locarno Kids» einen Preis vergeben. 13 Kinder im Alter von 11 bis 15 Jahren haben ihren Lieblingsfilm von sieben vorgestellten ausgezeichnet. Die Wahl fiel auf «Paradeisa», den ersten abendfüllenden Spielfilm der deutschen Drehbuchautorin und Regisseurin Marleen Valien.
Sie erzählt von einer Zwölfjährigen, die auf ungewöhnlichen Wegen versucht, so etwas wie Familienglück zu erzwingen. Die pointierte Tragikomödie gehörte auch für viele erwachsene Filmfans zu den schönsten Entdeckungen des Festivals.
In der dem Nachwuchs vorbehaltenen Sektion «Cineasti del Presente» («Filmemacher der Gegenwart») vergab die dafür zuständige Hauptjury keinen Preis Richtung Deutschland. Eine unabhängige Jugendjury aber verlieh ihren Preis für den besten Film an «Tear Gas» («Tränengas»), einen von Produzenten in Georgien, Frankreich und Deutschland realisierten Spielfilm des georgischen Regisseurs Uta Beria. Das inmitten von realen Demonstrationen gegen die pro-russische Regierung in Tiflis gedrehte Polit-Drama verfolgt eindrucksvoll die Geschichte einer Jugendlichen im Kampf um den Erhalt ihrer Familie.
Die Gewinnerinnen und Gewinner der Preise wurden am Samstagabend in einer Gala dem Publikum vorgestellt. Im internationalen Wettbewerb liefen 17 Filme aus aller Welt. Insgesamt wurden an den elf Festivaltagen 233 Kurz-, Experimental-, Dokumentar- und Spielfilme in verschiedenen Wettbewerben, Sektionen und Reihen gezeigt.
Von Peter Claus, dpa
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