Sieben Jahre für einen Traum
Schon die ersten Sätze aus dem Off verraten viel über Paul. Rückblickend erinnert er sich daran, dass er verschlossene Türen nie akzeptiert habe. Dieser Freiheitsdrang prägt ihn bis ins Erwachsenenalter. Paul rebelliert nicht aus politischer Überzeugung, sondern weil er sich nicht vorschreiben lassen will, was er denken, lernen oder erleben darf.
Die ruhige Off-Erzählung begleitet den Film immer wieder, reflektiert seine Hoffnungen, Irrtümer und Sehnsüchte und verleiht der Geschichte eine unaufdringlich philosophische Ebene.
Rund sieben Jahre lang bereitet Paul seine Reise mit akribischer Genauigkeit vor. Mit feinem, trockenem Humor erzählt Jessen von diesem eigenwilligen Mann, der sich in seine Idee hineinsteigert. Er spart Geld für ein Segelboot, liest Fachbücher über Radar- und Funktechnik versteckt in einer Buchhandlung, weil schon deren Kauf Verdacht erregen würde.
Nicht ausbrechen, sondern aufbrechen
Jessen zeichnet dabei ein differenziertes Bild der DDR. Es ist ein Land, in dem Menschen sich arrangieren, kleine Freiräume suchen und dennoch Heimat empfinden. Während Paul von Syrakus träumt, schafft sich Anne mit einer Datscha ihren eigenen Rückzugsort.
Nach «Mittagsstunde» arbeitet Jessen erneut mit Hübner zusammen und findet in ihm den idealen Darsteller für diesen eigensinnigen, wortkargen Norddeutschen. Der 53-Jährige spielt Paul mit großer Zurückhaltung, trockenem Humor und leiser Melancholie. Er ist weder Dissident noch Aussteiger, sondern ein Reisender, der seine Heimat liebt und gerade deshalb wissen will, was ihm verwehrt bleibt.
Lina Beckmann macht Anne zu weit mehr als einer zurückgelassenen Ehefrau. Sie ist eine starke, eigenständige Figur, deren Verletzung und Enttäuschung dem Film eine emotionale Tiefe gibt.
Eine Rückkehr, die keine Heimat mehr findet
Seine eigentliche Tragik entfaltet der Film erst am Ende. Nach dem Mauerfall kehrt Paul zwar in seine Heimat zurück, doch nichts ist mehr wie zuvor. Die DDR, in die er zurückkehren wollte, existiert nicht mehr. Anne ist fort. Paul erkennt, dass Freiheit allein nicht genügt, wenn der Mensch fehlt, zu dem man zurückkehren wollte. Aus dem Off zieht Paul ein bitteres Fazit: «Der Sinn der Reise war das Zurückkommen. Aber das Zuhause war nicht mehr da.»
«Spaziergang nach Syrakus» ist weit mehr als ein Film über eine Flucht aus der DDR. Jessen erzählt eine leise, fast philosophische Geschichte über Freiheit, Bildung, Sehnsucht und die Frage, was Heimat eigentlich bedeutet. Wer sich auf das ruhige Erzähltempo einlässt, erlebt einen ebenso nachdenklichen wie berührenden Film.
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