«Die andere Seite»: Nina Hoss im Survival-Modus
Im neuen Drama «Die andere Seite» werden Infizierte aus der Gesellschaft verbannt. Nina Hoss zieht im Alleingang durch die Natur und erzählt, wie nah sie den Strapazen ihrer Figur gekommen ist.
Im neuen Drama «Die andere Seite» werden Infizierte aus der Gesellschaft verbannt. Nina Hoss zieht im Alleingang durch die Natur und erzählt, wie nah sie den Strapazen ihrer Figur gekommen ist.
Sie zieht isoliert durch die Berge und die Natur, spricht kaum ein Wort und muss ihre eigenen Wunden versorgen. Nina Hoss («Tár», «Zikaden») kämpft in dem neuen Survival-Drama «Die andere Seite» inmitten einer beeindruckenden, aber auch bedrückenden Alpenkulisse um das Überleben und die Freiheit. Der Film startet jetzt in den deutschen Kinos. Wer die Ausgangslage kennt, fühlt sich vielleicht zunächst an die Corona-Zeit zurückerinnert - auch wenn die Dystopie von einem fiktiven Krankheitsausbruch handelt.
Denn im Film von Regisseurin Mariko Minoguchi grassiert eine hochansteckende Krankheit, von der auch die Protagonistin Hanna (Hoss) betroffen ist. Wie andere Infizierte kann sie das Virus übertragen und wird von der Gesellschaft ausgeschlossen. Daher flüchtet sich die Ärztin in die Berge und lebt dort in Einsamkeit in einer abgelegenen Hütte.
Düsteres Szenario und kühle Farben
Als sie in einem Camp mit Infizierten auf die junge, hochschwangere Erzieherin Lila (Precious Mariam Sanusi) trifft, entscheiden sich die beiden, über die Alpen in den Süden zu flüchten, weil dort ein Leben in Freiheit möglich zu sein scheint. Doch das beschwerliche Unterfangen birgt Herausforderungen.
Minoguchi zeichnet ein düsteres Szenario mit kühlen Farben und erzählt die Geschichte in großen Teilen über ihre pragmatische, wortkarge Protagonistin. Die Schönheit der Berge wirkt hier eher bedrohlich. Die Kamera folgt Hoss im Extremmodus, wie sie sich durch die Natur bewegt, sich allein in ihrer Hütte verpflegt oder vor Sicherheitspersonal verstecken muss. «Es ist nicht nur für Hanna ein Abenteuer gewesen, sondern auch für mich», sagte Hoss der Deutschen Presse-Agentur.
Hoss: «Ich kam der Strapaze meiner Figur durchaus nahe»
Der Dreh sei «unglaublich aufregend» gewesen, teilweise habe das Team in Berghütten übernachtet und gedreht, weil man nicht mehr den Berg runter konnte, den man auf abenteuerlichste Weise hochgekommen sei, sagte sie. «Die letzten vier Tage waren wir als kleines Team mit unserem Equipment in Rucksäcken unterwegs, weil man damit nicht mit hochfahren konnte, da das ein Naturschutzgebiet war. Ich kam dem Erlebnis und der Strapaze meiner Figur also durchaus nahe.» Gedreht wurde laut Presseheft teilweise auf mehr als 2.000 Metern Höhe unter freiem Himmel.
Menschliche Kontakte gibt es im Film für Hanna kaum, und wenn, dominiert vor allem die Angst vor der Ansteckung. Umso bewegender ist eine Szene, als Hanna auf eine ältere Bäuerin trifft (Barbara Petritsch), die sie auf ihrem Hof aufnimmt. Sie teilen ein trauriges Schicksal und Hanna erlebt schließlich das erste Mal in langer Zeit eine menschliche Umarmung.
Wie die Seuche zustande gekommen ist und um welche Krankheit es sich genau handelt, bleibt im Film offen. Er interessiert sich vielmehr für das Zwischenmenschliche und dreht sich um Einsamkeit, Isolation, Flucht und die Folgen von gesellschaftlicher Spaltung. Dazu stellt er übergeordnet die Frage: Was passiert, wenn das Bild von Europa als sicherer Zufluchtsort in das Gegenteil kippt und man den Kontinent für «die andere Seite», also die offenbar sicherere Seite, verlassen muss?
Was den Film sehenswert macht
Im Radio wird ein Politiker an einer Stelle drastisch und sagt, diejenigen, die die Normalität gefährdeten, könnten nicht Teil von ihr sein. All das macht «Die andere Seite» zu einem sehenswerten Film mit einer starken schauspielerischen Leistung, auch wenn die Botschaft manchmal überdeutlich zur Geltung kommt und es eine Weile dauert, bis die Geschichte richtig in Fahrt kommt.
Regisseurin Minoguchi («Mein Ende. Dein Anfang.») erzählte in einem Presseheft zum Film, sie habe das Drehbuch bereits Ende 2022 geschrieben - damals sei die Corona-Pandemie noch präsenter gewesen und der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine sei ausgebrochen. Ausgrenzung als Grundthema und das Thema Flucht seien von Anfang an da gewesen. Die Pandemie habe allen vor Augen geführt, wie fragil unsere Gesellschaft sei, sagte sie.
Für Hoss ist «Die andere Seite» kein dystopischer Film, weil die Pandemie praktisch nur die Grundlage sei, auf der die Geschichte fuße. «Sie ist der Hintergrund, damit diese Figur in so eine extreme Situation gebracht werden kann. Und dann geht es darum, was das mit einem macht. Ausgegrenzt sein, etwas in sich zu tragen, was potenziell gefährlich für die anderen Lebewesen ist. Was macht das mit beiden Seiten und welchen Umgang findet man damit?»
Sie habe sich immer mehr etwa die Fragen gestellt: «Was macht Gemeinschaft mit einem und wenn du davon ausgeschlossen wirst? Warum kommt es immer dazu, dass es leichter zu sein scheint, Feindbilder aufzubauen, als gemeinsam die durchaus gerechtfertigten Ängste abzubauen?» Für sie habe der Film auch etwas Trostvolles, weil er etwas über die Kraft des Menschseins und des «am Leben Seins» erzähle. In all der Dramatik gebe es auch glückliche Momente. Wie zum Beispiel die Umarmung von Hanna und der Bäuerin.
Von Sabrina Szameitat, dpa
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