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Mythos Mindesthaltbarkeit - wann Lebensmittel wirklich schlecht werden – RPR1.

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RPR1. Nachmittag mit Daniel Kaiser

Jetzt läuft: DON'T BE SO SHY (FILATOV & KARAS REMIX) - IMANY

Teller statt Tonne!

MYTHOS MINDESTHALTBARKEIT

Wann Lebensmittel wirklich schlecht werden

Müssen wir Essen wegschmeissen, wenn es das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten hat? Eigentlich nein. Aber wann dann?

Das Mindesthaltbarkeitsdatum, kurz MHD: Ein langes Wort, dessen genaue Bedeutung vielen unbekannt ist - oder eben nur teilweise. Im Normalfall gehen wir davon aus, dass das auf Lebensmitteln angebene Datum den Tag benennt, an dem wir das Produkt spätestens essen sollten. Genauer denken wir über die eigentliche Bedeutung des Wortes eigentlich gar nicht nach. Dabei erschließt sich schon aus der Terminologie, dass der Verfalls-Verdacht am Mindesthaltbarkeitsdatum ein weit verbreiteter Irrglaube sein muss. Denn was sagt uns das Datum tatsächlich? Dass bis dahin das Produkt auf jeden Fall, also eben mindestens, haltbar ist. Nur der Tag, bis zu dem das Produkt höchstens haltbar ist, wäre ein tatsächliches Verfallsdatum.

Warum also die ganze Verwirrung? In einem Rechtsstaat wie Deutschland hat das vor allem juristische Gründe: Träten bei einem Verbraucher gesundheitliche Konsequenzen auf, die auf den Konsum von schlecht gewordenen Lebensmitteln zurückzuführen sind, könnte dieser den Hersteller vor Gericht zerren. Der Hersteller ermittelt zur Vermeidung von Ärger also einfach den  Zeitpunkt, an dem Keime und Erreger sowie geschmackliche Veränderungen noch gar nicht möglich sein können, und stempelt ihn auf die Packung seines Produkts. Und mehr verlangt das Lebensmittelgesetz in Paragraph 7 auch gar nicht: "Das Mindesthaltbarkeitsdatum eines Lebensmittels ist das Datum, bis zu dem dieses Lebensmittel unter angemessenen Aufbewahrungsbedingungen seine spezifischen Eigenschaften behält." Durch das frühe Ansetzen des MHD wird auch verhindert, dass schlecht werdende Produkte vom Verbraucher zurückgegeben werden könnten - das ist nämlich nur möglich, wenn die Nahrung tatsächlich schon innerhalb der angegebenen Haltbarkeit schimmelt oder schlecht wird. Das MHD ist also tatsächlich vor allem eine rechtliche Absicherung, die über die Lebensdauer eines Nahrungsmittels alleine noch nicht viel aussagt.

Doch genau das hat sich landläufig verankert: Mindesthaltbarkeit überschritten, Produkt weggeschmissen. Die Folgen haben gigantische Ausmaße. Bei jedem einzelnen Deutschen landen durchschnittlich 82 Kilogramm Essen pro Jahr in der Tonne, obwohl davon satte 58 Kilo noch genießbar wären! Da kommt unvorstellbar viel Nahrung zusammen, und trotzdem sind diese unnötigen Überbleibsel nur die Spitze des Eisbergs.

Im Gesamten werden pro Jahr nämlich ganze 11 Millionen Tonnen an Lebensmitteln unangetastet aussortiert! Die Verbraucher sind daran nur zu knapp 40 Prozent schuld - noch viel mehr Essen wandert in den Supermärkten in die Tonne. Entweder vor Ladenöffnung, weil die Nahrungsmittel nicht den - zumeist rein ästhetischen - Normen und Standards entsprechen. Oder nach Ladenschluss, weil die Produkte an das juristisch riskante MHD rücken und die Märkte den Verkauf am nächsten Tag nicht riskieren wollen. Das hat auch verwaltungstechnische Gründe: Ein Metzger oder Gemüsehändler ist durchaus berechtigt, das MHD nach hinten zu verschieben, wenn es seiner fachkundigen Meinung nach noch länger genießbar ist. Supermärkten ist das bei der Menge ihrer Produkte natürlich nicht möglich, also greifen sie zur Holzhammermethode: Alles muss raus!

Mit diesen riesigen Überschussmengen könnte man wahrscheinlich die Hungernöte in der Dritten Welt lösen. Oder zumindest dem ein oder anderen Obdachlosen ein Abendessen bescheren. Nur wird leider der wenigste Teil der Nahrungsberge sinnvoll weiterverwendet. Denn rechtlich gesehen ist auch Müll noch Eigentum. Möchte man die weggeworfenen Produkte also noch für sich nutzen, macht man sich sogar strafbar! Dabei lässt sich der Überschuss ja eigentlich super verwenden: Teilweise wird das Essen an die Tafeln weitergegeben, oder zum Beispiel als Tiernahrung verwendet. Gezwungen wird dazu aber kein Unternehmer, und so verrottet der Großteil in den Containern der Märkte. Unter ökologisch bewussten Aktivisten inzwischen ein regelrechter Sport: So viel Essen wie möglich von den Firmengeländen zu retten. Wahrscheinlich war eine rechtswidrige Handlung nie sinnvoller. Inzwischen machen viele Supermarktbetreiber es den mutigen Sammlern einfacher, indem sie die Container nicht abschließen oder das Essen sogar einfach daneben platzieren.

Dennoch sind andere Länder schon viel weiter: In Großbritannien möchte die Labour Party Märkten per Gesetz vorschreiben, aussortierte Lebensmittel an die Charity-Einrichtungen des Landes weiterzugeben. Bis zur juristischen Bindung ist es natürlich noch ein weiter Weg, doch immerhin erregt die Diskussion entsprechende Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit. Die Engländer und auch Holländer können beim Einkauf in bestimmten Supermärkten bereits zu "Ugly Food" greifen: Das sind ästethisch nicht normgerechte, aber eigentlich einwandfreie Nahrungsmittel wie zusammengewachsene Möhren oder überkrumme Gurken. Die Märkte überlassen die Wahl damit dem Verbraucher, bis der Gesetzgeber neue Regelungen vorgibt.

Die Verantwortung in die Hände der Verbraucher legen möchte auch Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner. Ihre Kampagne "Teller oder Tonne?" soll die weit verbreiteten Irrtümer ausräumen und mehr Klarheit schaffen. Das MHD sei "kein Wegwerfdatum, sondern eine Orientierungshilfe", mahnt sie und ruft zu mehr Eigenverantwortung auf. Man müsse nicht einfach lesen, sondern "schmecken, riechen, sehen", bevor man Nahrungsmittel auf Verdacht in den Müll schmeißt. Ab dieser Woche sollen in Märkte ausgelegte Flyer informieren, auf was wir als Verbraucher achten sollten.

Ilse Aigner ist selbstverständlich nicht die erste, die sich für die Bewusstseinsschärfung in der Bevölkerung einsetzt. "Teller statt Tonne" war in der Vergangenheit bereits das Motto der Spendentage deutscher Tafeln. Organisationen wie SlowFood, FoodWaste oder der Film "Taste the Waste" machen seit jeher auf den Wegwerf-Wahnsinn aufmerksam. Doch als Regierungsangestellte erreicht Aigner immerhin viel mehr Bürger, als das kleineren Organisationen möglich ist: Ihre Flyer finden sich in mehr als der Hälfte aller Lebensmittelläden des Landes. Und auch wenn Kritiker bemängeln, die Kampagne der Ministerin ginge nicht weit genug, weil sie sich nicht um rechtliche Verbindlichkeit bemühe, so gibt sie doch immerhin uns Verbrauchern die Chance, ein komplexes System besser zu verstehen und selbst aktiv zu werden - sich ein paar Fragen zu stellen, bringt nämlich schon eine Menge:

Wie viel ist von was noch da? Nicht nach Gefühl einkaufen - oft hat man dann mehr, als man braucht. Habe ich genug Platz im Gefrierfach? Tiefkühlprodukte halten länger - aber natürlich nur, wenn sie auch so kalt untergebracht werden können. Wie müssen Nahrungsmittel idealerweise gelagert sein? Hersteller geben immer die produktgerechte Aufbewahrung an - der sollte man nachkommen. Moderne Kühlschränke haben beispielsweise unterschiedliche "Klimazonen" für verschiedene Nahrungsmittel. Was brauche ich bald, was später? Wenn klar ist, dass ein bestimmtes Lebensmittel noch heute auf den Tisch kommt, braucht man beim Einkauf kein noch wochenlang haltbares Produkt kaufen, sondern kann auch etwas tiefer ins Regal greifen: Dorthin werden die bald ablaufenden Produkte oft gedrängt.

 

 

Es liegt also erst einmal an uns Verbrauchern, die gigantische Lebensmittelverschwendung in unserem Land zu bekämpfen - bis Gesetze und Kennzeichnungen besser angepasst sind. Dabei muss niemand Aktivist werden oder Unsummen an Geld spenden - ein bißchen mehr Achtsamkeit kann den persönlichen Verbrauch schon stark reduzieren. Wie bei allen großen Veränderungen muss man eben im Kleinen anfangen...

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